Höllenblume

canigüz_höllenblume

Der kleine Alper Kamu dürfte sich freuen: Beşiktaş ist nach längerer Durststrecke gerade türkischer Fußballmeister geworden! In Istanbuls gleichnamigem Stadtbezirk um das brandneue Stadion herum dürfte die Hölle los gewesen sein. Mit Gewißheit vermelden darf ich die Freude Alper Canıgüzs: der große Alper, Schriftsteller und Schöpfer des kleinen Alper, ist ausgewiesener Beşiktaş-Fan und verkündete mir jüngst seine Genugtuung über die Tore von Mario Gomez – aber auch seine Beobachtungen zum bedenklichen Tagesgeschehen in Istanbul und Europa – im Facebook-Chat.

Alper Kamu, ein fünfjähriger Junge, in dessen Name sich sowohl Albert Camus als auch der Autor spiegeln, lebt in Beşiktaş in einem Umfeld, das, erzähltechnisch mittels psychedelischer Einsprengsel erweitert, mich u.a. an die Geschichten um Le petit Nicolas von Sempé/Goscinny, an die Vorstadtkrokodile, den Scharfsinn von Sherlock Holmes und die randständige Wildheit in Pasolinis grandiosem Roman Raggazi di vita erinnerte. In Höllenblume (im Original: Cehennem Çiçeği) löst der Dreikäsehoch nach dem Vorgänger Söhne und siechende Seelen (Oğullar ve Rencide Ruhlar) mit gelegentlich schwankender Selbstverständlichkeit den zweiten Mordfall in seiner Nachbarschaft.

Den Sonntag hatte ich in meinem Zimmer verbracht, gedöst, schamlosen sexuellen Fantasien nachgehangen und, dem unschicklichen Gedanken die Stirn bietend, der sich immer wieder in einem Winkel meines Gehirns bemerkbar machte – „schon dreihundert Seiten, und noch immer ist dieser verfickte Fisch nicht aufgetaucht“ – Moby Dick gelesen. In dieser Form hatte ich meinen Körper und Geist einen Tag brachliegen lassen, nun bereit, von Montagmorgen an in eine Woche voller neuer Lügen, Verrat und Qualen zu starten.“

Sämtliche Romane mit Schauplatz Istanbul, die ich bisher gelesen habe, wiesen als Gemeinsamkeit die Beschreibung von Verbrechen und mehr oder minder brutaler Alltagsgewalt, meist in zentraler Position, auf. So ermittelt auch Kinderdetektiv Alper in einem Umfeld, in dem hinter jeder Ecke, hinter jedem Vorhang Gefahr lauert: straßenweise in Gangs organisierte Nachbarkinder, bedrohliche Jugendliche und schwer durchschaubare Erwachsene. Ein vorderhand unverdächtiger Todesfall in einer neu zugezogenen Familie entwickelt sich dank Alper Kamus Gespür zum Kriminalfall. Die Mordaufklärung dient als Aufhänger für ein kleinbürgerliches Psychorama. Denn Alper ist ein außergewöhnlicher Fünfjähriger. Hochgradig belesen agiert und spricht er mehr als nur ansatzweise wie ein Erwachsener, seine kindlichen Impulse indes bleiben bestehen: eine Figur, geschaffen um Komik wie Tragik auf sich zu ziehen.

„Okay“, sagte ich. „Eigentlich ist es so: Als Baby wurde ich von einem radioaktiven Intellektuellen gebissen. Und das ist eben aus mir geworden.“
Als wäre alle Energie aus ihr gewichen, sank meine Ärztin neben mir in den Stuhl. (…) Vielleicht fragte sie sich auch, ob ihr eine der Krankenschwestern oder einer ihrer witzigen Kollegen womöglich ein halluzinogenes Medikament ins Wasser gemixt haben könnte. Eigentlich musste ich ihr recht geben. Während eines albtraumartigen Nachtdiensts im Numune-Krankenhaus war eine Ärztin mit der größtmöglichen Katastrophe konfrontiert: mit mir. (…) „Sie glauben mir nicht. (…) Ich habe eine Reinkarnation erlebt. Sogar mehrere. In einem meiner früheren Leben war ich Henker in der Französischen Revolution, in einem Wächter im russischen Zarenreich und in einem anderen Militärrichter in der Türkei nach dem Putsch vom 12. März. Um meine Opfer genau kennenzulernen, habe ich alles gelesen, was sie so geschrieben haben, und dabei jede Menge gelernt. Wenn möglich, möchte ich in diesem Leben der Volksmiliz im Südosten beitreten.“

Mit seinen Reden verblüfft Alper Kamu sogar den Polizeichef des Viertels, seinen mächtigsten Verbündeten, der ihm noch aus dem Vorgängerroman vertraut. Sein loses Mundwerk bringt den Jungen mal in die Bredouille und sichert ihm dann wieder das Überleben. Ein Punkt, den er mit Detektiv-Übervater Philip Marlowe gemein hat. Anstelle der üblichen tiefen Einsamkeit erwachsener männlicher Hardboiled-Helden tritt bei Alper die Verlustangst. Sein geliebter Vater scheint die geliebte Mutter nicht so zu lieben wie es sich gehörte und treibt sich zu häufig in Kneipen herum. Bereits das Kind lernt: die Hölle liegt fest im Herzen des Kleinbürgeruniversums vertaut. An guten Tagen kehrt sie sich auch mal stundenweise ins Paradies. Zwischen Himmel und Hölle seiner Kindheit surft Alper auf seinen spritzigen Gedanken bisweilen einfach nur gegen den Strom der Langeweile, etwa wenn er seitenlang den Einfluß von Antibiotika auf die Scheidungsrate exegiert.

Keine Ahnung, ob sie Anstalten machte, mich zu hindern, oder ob sie noch etwas sagte, ich stürzte nämlich aus der Tür, die Treppe hinunter und auf die Straße. Zuerst tat mir der Wind gut, der mir ins Gesicht schlug, doch dann brach bleierne Müdigkeit über mich herein. Ich war noch nicht völlig genesen und hatte immer noch ein wenig Fieber. In meinem Zustand auf der Straße herumzulaufen war eigentlich alles andere als vernünftig. Ich war ohnehin von schwacher Konstitution, vor allem mit meinen Lungen war es nicht weit her. In jener Hinsicht ähnelte ich Marcel Proust. Oder meinem Großvater mütterlicherseits, der ein türkisches Bad betrieben hatte und in einem Sanatorium einem Lungenephysem erlegen war. Wem ich in Wahrheit ähnlicher war, würde die Zukunft ans Licht bringen.

Hinter dem Trivialem lauert bei Canıgüz stets die Hochkultur, die, einmal freigekratzt, umgehend wieder ins Triviale blendet. Banale Alltagsvorgänge erreichen im Lichte psychologischer Betrachtungsweisen, einer Spezialität des Autors, verwirrende Komplexität: der Canıgüz-Sound aus helizierenden Handlungsverläufen mit hoher Abschweifungskonstante basiert auf überdrehte Weise auf historisch bewährten Gegensatzpaaren menschlichen Ausdrucks: Liebe und Haß, Zielstrebigkeit und Fatalismus, sowie alle paar Nasen lang fysische wie psychische Gewalt.

„Geh nicht zu nah ran“, warnte ich. „Es kann spucken.“
Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, hatte Ümit dem Lama im Kampf ums nackte Überleben ins Gesicht gespuckt und den Rückzug eingeschlagen und stieß dabei einen brutalen Fluch auf das Tier und die Schöpfung aus. Ich denke, Ümit war von dem starken Glauben beseelt, dass jedes Lebewesen, das seinem Gegenüber potentiell Schaden zufügen konnte, von diesem Potential auch unbedingt Gebrauch machen würde.

Am Ende siegt, unter Verlusten, mitten im ewigen Wogen des zahllose Geheimnisse und Rätsel bergenden Istanbuler Häusermeers, die Erkenntnis und das Gerechtigkeitsempfinden eines mit zuviel Wissen gefütterten Fünfjährigen – der Krimi, die Vorstadtstudie, die Gesellschaftskarikatur, der Unterhaltungsroman kehren sich zum Abschluß in ein traurig-zuversichtliches Märchen. Wäre ich Filmemacher, ich würde dieses Buch verfilmen wollen.

Alper Canıgüz: Höllenblume (aus dem Türkischen von Monika Demirel), binooki, Berlin 2015, Broschur, 218 Seiten, 16.90 Euro, ISBN 978-3-943562-49-1

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s