Um die Gasse biegt deine Stimme

ilhan berk_um die gasse biegt deine stimmeİlhan Berk (1918-2008) gehörte zu den Dichtern der İkinci Yeni („Zweite Neue“), einer literarischen Ausrichtung in der Türkei, die sich in den 1950er-Jahren gegen ihre unmittelbaren Vorgänger u.a. dadurch abgrenzte, daß sie gesellschaftskritische und politische Aussagen aus dem Gedicht verbannte. Paradoxerweise war es vor allem diese formal apolitische, inzwischen großteils verstorbene Generation um Berk, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Ece Ayhan, Sezai Karakoç, Edip Cansever, die von der #şiirsokakta-Bewegung und im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten ab 2013 zitiert wurde und mit deren Versen seither die türkischen Städte von jungen Leuten wild beschriftet werden. (1)

Der kleine Elif Verlag aus Nettetal bietet nun mit dem zweisprachigen Band Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin die erste größere Kompilation mit Gedichten und Zeichnungen von İlhan Berk für das deutschsprachige Publikum an. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen hat die Sammlung Yüksel Pazarkaya, der Berks Lyrik als „durch und durch modern, gleichzeitig verwurzelt in den tiefen Quellen der Tradition“ beschreibt:

Vor allem bedient er sich höchst eigenständig bei den modernen Strömungen. Dabei werden Dingobjekte sowie bereits zu Schrift gewordene Welt, alles Geschriebene und Gezeichnete in der Geschichte, in Wörter und Worte transponiert, übersetzt. Seine Poetik ist dialektisch angelegt: Die Übersetzung der Dinge in Sprache geschieht sachlich nüchtern und poetisch zugleich. Das sachlich Scheinende gewinnt Sinnreichtum. Das Wort mit einem einzigen Sinn tötet bekanntlich das Gedicht, ehe es entsteht.

Himmel, Meer, Frauen, Bäume, ein „niederträchtiges Istanbul“ und nicht zuletzt das Gedicht und der Dichter selbst sind ständig wiederkehrende Motive der Sammlung. Als Verfasser von Blick in den Himmel (Hamburg/Klingenberg 2009), einem Band, der ausschließlich aus Gedichten mit dem genannten Titel besteht, fiel mir die Himmelsaffinität der İkinci Yeni-Dichter, die mir ab 2014 zur Kenntnis kam, besonders ins Auge: „dieser schlammtrübe Himmel“, „warum sich dieser Himmel aufmachte und herkam“, „nun liegt alles am Himmel“, „ein elfenbeingravierter niederträchtiger Himmel“, „ein chinesischer Morgen der Himmel über meinem Haus“, „der Himmel ist hörbar“, „ich stieg zum Himmel hinab“ und so weiter und so weiter – für lyrische Himmelzitate ist İlhan Berk sicher eine der reichsten Quellen der Literaturgeschichte.

In der Sammlung finden sich – von Berks Zeichnungen, zumeist weiblichen Akten – zu kleineren Einheiten geordnet: in ihrer verknappten Naturbetrachtung haiku-ähnliche Vierzeiler, in klare wie amorfere Formen geschmiedete Verse und längere Aufzählgedichte. Vermutlich stehen die Formen für verschiedene Schaffensperioden – hierzu liefert der Band keine Informationen.

Die Faszination der Gedichte liegt in ihren Verschiebungen: İlhan Berk beschreibt die Dinge der sichtbaren Welt wie sie sich seinem Zugriff entziehen, sich vor seinem Auge verformen, ihre Seelen tauschen und umwandeln und beschreibt, wie er diese Vorgänge beschreibt. Dann wieder gelingt es ihm, einzelne Dingseelen mithilfe inspirierter Techniken einzufangen, sie zu präparieren und in den Vitrinen seiner Verse auszustellen, wo sie ein sonderbares Schimmern entfalten. Das Schöne als das Schreckliche, Furchtbare und umgekehrt. Symbolik beim Striptease, schließlich beim Promenieren in des Kaisers neuen Kleidern. Das wirkt surreal, beinahe dadaistisch, zugleich kalkuliert und, zumindest im deutschen Sprachklang, häufig kühl, die Kühle wiederum sabotiert von der melancholischen Einsamkeit des Betrachters. Und es wirft reihenweise Verse ab, die sich als Slogans für die Straßen eines Landes in unruhigen Zeiten eignen: „Der Tod gleicht nichts“, „Das Haus ist / Zeuge / der wandernden / Nacht“, „Die Zeit ist endlos / wie ein unvollendetes Gedicht“.

İlhan Berk: Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin, Elif Verlag, Nettetal 2016, Softcover, 168 Seiten, 12 Euro

***

(1) Zur Geschichte des massiven Auftauchens von Verszeilen im öffentlichen Raum in der Türkei empfehle ich Achim Wagners informativen Artikel Das Gedicht ist auf der Straße bei Qantara.

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Ein Kommentar zu “Um die Gasse biegt deine Stimme

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