İstanblues

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İstanblues fungiert als Kompilation der ersten beiden Bände (Beyoğlu Blues, Istanbul Bootleg) der Istanbul-Trilogie des Kölner Dichters Gerrit Wustmann. Die zweisprachige Ausgabe erscheint nur in der Türkei. Eine Botin, die vom Bosporus an den Rhein geheiratet hat, brachte dieser Tage einen Stapel Exemplare in die Domstadt.

Istanbuls Blues heißt eigentlich hüzün, eine lokale Sonderform der Melancholie wie die saudade der Portugiesen, „eine kollektive Stimmung des Scheiterns und des Verlustes“ wie Orhan Pamuk schreibt, die sich sichtbar in den Grautönen auslebt, in die die Männer sich kleiden, und in deren kargen Gesichtsausdrücken, wenn sie auf der Galatabrücke ein paar Sardinen aus dem Wasser ziehen. Viele der bekanntesten Istanbul-Gedichte sind auf diesen melancholischen Grundton geeicht. An einige von Istanbuls Bedichtern der letzten hundert Jahre knüpft Wustmann an, indem er ihre Motive als Leitfäden verwendet: zentrale Begriffe aus den Texten von Nâzım Hikmet, Cahit Külebi oder des Meistererzählers Sait Faik Abasıyanık bilden die Gerüste für kurz gehaltene, in klarer Sprache verfaßte Texte, weitere Referenzen gehen an den deutschen Autor Jörg Fauser, der Ende der 60er im Viertel Tophane als Junkie vor sich hindämmerte und schrieb und besonders an Orhan Veli, dessen Klassiker İstanbul’u dinliyorum (Ich höre Istanbul) Wustmann komplett für den Stadtteil Beyoğlu nachdichtet; der fiktive Dichter Ka aus Orhan Pamuks Roman Kar (Schnee) wird zur Projektionsfläche einer Nachdichtung, ohne daß Kas Gedichte – immerhin wissen wir grob, wovon sie handeln – der Menschheit bisher im Wortlaut bekannt wären.

Gerrit Wustmann findet Istanbuls Schönheit über beide Bände hinweg auffallend im schnell Vergänglichen, das sich tagtäglich wiederholt: im Flügelschlag der Möwen, in den warmen Farbtönen des gezuckerten, in Tulpengläsern servierten Tees, im Regenprasseln, in der Stille und den Stimmen der Nacht, in Lichtspielen und kurz im Blickfeld aufblühenden Ornamenten: fast alles beliebte, für Istanbul typische Bildmotive, die den Stadtcharakter als illustrierte Reportagen und millionenfach verschickte Postkarten seit Dekaden im kollektiven Bewußtsein umreißen. Das Paradox, Vergängliches in einer Sprache zu skizzieren, die um Zeitlosigkeit bedacht ist, funktioniert in İstanblues inhaltlich auf Kosten aktuellen Zeitgeschehens, das, nach dem Cover und der Ankündigung zu urteilen, für den in Kürze erscheinenden Abschlußteil der Trilogie, Taksim Tango, reserviert sein dürfte. Auf sprachlicher Ebene bricht die Gegenwart in İstanblues da und dort mittels Begriffen wie Skyline, Highway, E-Gitarre, Sendemast oder Pupillenreizung durch. Auf diese Weise verortet und isoliert der Band eine nostalgisch aufgeladene, längst zum Klischee verdichtete Stimmung und stellt sie, an Orhan Pamuks Masumiyet Müzesi (Museum der Unschuld) in Cihangir erinnernd, das ebenfalls bedichtet wird, in der sie adoptierenden Gegenwart aus.

Als die Gedichte des zweiten Teils Istanbul Bootleg entstanden, wohnte ich mit ihrem Verfasser Tür an Tür im deutschen Dichterghetto von Kuledibi in der Nähe des Galataturms. Abends unterhielten wir uns häufig auf der gemeinsamen Dachterrasse und schauten dabei auf den Bosporus und die Bewegungen in den Gassen des mitten in der Gentrifizierung begriffenen Viertels, letztere ein Umstand, zu dem unsere Anwesenheit beitrug. Ich sprach von den allgegenwärtigen Möwen und behauptete in einer Kolumne, daß ich keinen Istanbultext schreiben könne, wenn nicht mindestens eine Möwe darin vorkäme. In Wustmanns Istanbul Bootleg tauchen die in Istanbul omnipräsenten Vögel spätestens in jedem dritten Gedicht auf, was den Autor zum Member of the Möwement ehrenhalber qualifiziert.

Außer in Beyoğlu sind die Gedichte auf den Prinzeninseln lokalisiert, sie beschreiben somit, ohne explizit davon zu sprechen, Gassen und Orte in vergleichsweise privilegierten Vierteln, die von westlich orientierten Intellektuellen, jungen Künstlern und Touristen durchsetzt ihre alte Einwohnerschaft an den Stadtrand verdrängen, der selbst von den höchsten Hochhäusern der Innenstadt nicht zu erblicken ist. Gleichzeitig fühlen die Übriggebliebenen sich von einem Staat bedrängt, der ihre Privilegien einengt und werden die Straßen plötzlich von tausenden Kriegsflüchtlingen, die nichts besitzen, als was sie am Leib tragen, als Orte purer Existenz markiert. Geschichte passiert in Istanbul so schnell und gewaltig, daß sie kaum mitgeschrieben werden kann. Eine Straße, eben noch vorhanden, ist am Abend bereits abgerissen und zwei Monate später als eine völlig andere neu erbaut.

Im Nachwort spricht Wustmann von Istanbul als einer „schwierigen Geliebten“, die „störrisch, widersprüchlich, launisch und sprunghaft“ und davon, daß der erste Band gleichsam über Nacht gegen jede Überlegung entstanden sei. In den Gedichten selbst ist von Gott und das Panorama durchziehender Göttlichkeit die Rede: aus den Kontrasten, der permanenten Umwälzung, den überall sichtbaren Brüchen, die Istanbul so unbeschreiblich machen, lassen sich unzählige, unterschiedlichste Destillate gewinnen, denen der spezifische Geschmack der Stadt unweigerlich anhaften wird, weil sie bei aller Vielfalt und Differenziertheit zu den am leichtesten erkennbaren der Welt gehört. In Wustmanns Destillat schmeckt aus der geheimen Tausendgewürzemischung die elegische Note vor.

Im Vorwort vergleicht der für seine wendungsreichen Romane bekannte türkische Schriftsteller Alper Canıgüz die beiden tausendjährigen Städte Köln und Istanbul, um sich dem Istanbul-Zugang Wustmanns zu nähern und erwähnt auch einen Rheinspaziergang, den wir vor zwei Jahren gemeinsam unternahmen:

Bei meinem Besuch in Köln befiel mich das Gefühl, dass die ungeheure Energie in diesem einmaligen Zentrum der Kunst und Kultur der Spannung zwischen dem weltberühmten prächtigen Dom und dem Fluss entspringt. „Hier bin ich“, verkündete der Kölner Dom. „Vorläufig“, erwiderte der Rhein. „Ist nicht unbedingt wie der Bosporus, was?“, meinte Stan Lafleur, ein (…) befreundeter Kölner Dichter, als wir uns am Rheinufer auf einer Bank niederließen und es plötzlich dunkel wurde. „So ist der Kölner Himmel meistens; eine Decke für die Toten.“

Die etwas schräg klingende Formulierung von der Decke kam dadurch zustande, daß ich während des auf Englisch verlaufenden Gesprächs nicht auf den Begriff shroud kam, weswegen ich den gemeinten Leichentuchhimmel ein wenig umschreiben mußte. Alper Canıgüz jedenfalls freute sich an unserer faden, grunddeutsche Melancholie verströmenden Himmelsexotik wie sie in Istanbul allenfalls an Schneetagen vorkommt; dennoch entflohen wir den Himmeln zügig ins Brauhaus. Köln kennt im Gegensatz zu Istanbul für den Blues keine lokalspezifische Bezeichnung: wohl weil die Schwermut (in welcher Ausprägung auch immer) am Rhein keine Woche unbeschadet überleben kann.

Gerrit Wustmann: İstanblues, Foo Prodüksiyon, Istanbul 2016, Softcover, 102 Seiten, 10 YTL

Nachtrag, 02. April 2016
Tatsächlich dominieren den dritten Trilogie-Teil Taksim Tango über weite Strecken Gedichte zu zeitgenössischen Themen: Gentrifizierung und die Proteste im Gezi-Park im Frühsommer 2013, die quasi mit ihrem Auftreten, in das auch zahlreiche AutorInnen und PublizistInnen involviert waren, in die türkische Geschichte eingegangen sind. Im Nachwort zu Taksim Tango zitiert mich Wustmann mit dem Satz, Istanbul sei „ein Zellorganismus, der Minute für Minute Zellen abstößt und neue bildet“: ein Satz, der gewiß auf zahlreiche Metropolen zutrifft, doch nirgendwo sonst habe ich die Umwälzung einer Stadt so vehement und rasant empfunden wie bei meinen Aufenthalten in Istanbul.

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