Literatur aus dem Hinterland – Interview mit Rudy Alfonzo Gómez Rivas

Rudy Alfonzo Gómez Rivas lebt in Aguacatán, einer Kleinstadt abseits der Hauptrouten im Hochland der weit überwiegend von Maya bewohnten guatemaltekischen Region Huehuetenango. Seine literarischen Aktivitäten sind zahlreich und vielfältig: Rudy ist Dichter, Lehrer, Organisator des Poesiefestivals von Aguacatán und betreibt außerdem einen Kleinverlag: Editorial Cafeína, zu deutsch soviel wie Koffeinverlag.

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Mural mit Zitaten guatemaltekischer Dichter in Aguacatán

Rudy, wie und warum hast du mit der verlegerischen Tätigkeit begonnen? Existiert in Guatemala eine Traditionslinie ähnlicher Verlage?

Editorial Cafeína ist eine Reaktion auf das zunehmende Angebot erzählerischer wie lyrischer Werke von sehr hoher Qualität, das sich in Guatemala entwickelt hat und dient als Alternative für diejenigen, die nicht bei den großkalibrigen Verlagen landen können, die seit Jahrzehnten im Land tätig sind.
In Guatemala existiert keine sonderlich tief verankerte Verlagstradition und damit die Sache aus Verlegersicht funktioniert, mußt du in Guatemala bereits ein erfolgreicher Schriftsteller oder Dichter sein, um veröffentlicht zu werden, ein Prozeß, in dem du nichts weiter als dein Werk ablieferst. Oder andersherum: wenn du literarische Qualität, aber keinen großen Namen als Schriftsteller vorweisen kannst, und dennoch möchtest, daß deine Arbeit ans Licht kommt, mußt du dafür bezahlen. Ein Konzept, von dem ich denke, daß es die Arbeit des Schriftstellers zunichte macht.
Ich glaube also, im Fall Guatemala lag das Entstehen unabhängiger Verlage teilweise an dieser Herausgeberpolitik. Dadurch kamen Verlage auf wie Alambique Editorial („Destillierhelmverlag“), Editorial Chuleta de Cerdo („Schweinekotelettverlag“), Editorial Zopilotes („Rabengeierverlag“), Editorial Pato/lógica („Patho/logischer Verlag“), von denen ich weiß, daß ihre Vorgehensweisen nicht in besagter Tradition stehen: bei denen liefert der Autor sein Werk ab, der Verleger übernimmt den wirtschaftlichen Part, die Bücher auf den Weg zu bringen. Auf diese Weise wird die Arbeit des Autors gewürdigt.

Gibt es eine Verbindung zwischen Editorial Cafeína und der Cartonera-Idee, die sich seit 2002 von Buenos Aires ausgehend hauptsächlich in den lateinamerikanischen Ländern verbreitet hat?

Der Beginn der unabhängigen Verlage in Lateinamerika, speziell in Argentinien, liegt in der Wirtschaftskrise begründet, die das Land im von dir genannten Jahr erlebt hat. Denkweisen und Konzepte der einzelnen Verlage waren wohl auf die Voraussetzungen der einzelnen Länder abgestimmt, in sämtlichen Ländern gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen, die jeweils regionale Aspekte berücksichtigen. Der gemeinsame Nenner liegt wahrscheinlich im Mangel an ökonomischen Mitteln, der in der Mehrzahl der lateinamerikanischen Länder gegeben ist. Im Fall von Guatemala sind die unabhängigen Verlage angetreten, um den neuen, noch nicht so bekannten Dichtern und Schriftstellern eine Atempause zu verschaffen, die ihnen erlaubt, ihr Werk vorzustellen und, wie man sagt, „sich einen Namen zu machen“.

Wie lauten deine Programmziele für Editorial Cafeína und wie suchst du deine Autoren aus?

Die Idee ist, daß jeder guatemaltekische Autor bei uns veröffentlichen kann. Ich denke, daß die Dezentralisierung, die der verlegerische Prozeß im Landesinneren erleidet, ebenso von Bedeutung ist wie die Tatsache, daß die daraus sich entwickelnden und ergebenden Verlagsaktivitäten fern der Hauptstadt nicht nur ein kulturelles Erbe bekräftigen, sondern auch mit herkömmlichen literarischen Paradigmen brechen. Das Wichtigste ist, daß es sich um Werke handelt, die andere Lesarten anbieten und befördern und eine klare Botschaft vermitteln, daß einem bestimmten literarischen Zirkel anzugehören keine notwendige Voraussetzung darstellt, um veröffentlicht zu werden. Die Auswahl betreiben wir in einem Herausgeberrat, eine Art Filter, der dafür sorgt, daß das, was publiziert werden soll, literarische Qualität aufweist, wenngleich das relativ ist.

Gibt es in der jungen guatemaltekischen Literatur so etwas wie einen gemeinsam zu nennenden Trend? Worüber schreiben die jungen guatemaltekischen Dichter (deines Verlags) in diesen Tagen?

Es gibt eine ziemlich lange Liste junger guatemaltekischer Dichter und Schriftsteller, dazu gehören Sonia Marroquín, Alberto Arzú, Rebeca Lane, Daniela Castillo, Pep Balcárcel, Marilinda Guerrero, Vanessa Ramos, Evelyn Macario, Jhonatan Bell, Marco Valerio Reyes, Numa Dávila, José Juan Guzmán, José Alvarado, Joselin Pinto, Pablo Hernández, Julio Prado, Marlon Francisco, Gabriela Gómez, César Yumán, Carlos Orellana, Rafael Romero und viele andere, die gerade meiner Erinnerung entflohen sind, aber zweifellos existiert eine große Varietät guatemaltekischer Literatur, die mit Kraft und sehr guten literarischen Vorschlägen aufwartet und die sich deutlich von romantischen oder Nachkriegskriterien absetzt. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Literatur, welche die literarische Sprache neu zu erfinden beabsichtigt, und die unter anderem eine eineindeutige Beziehung zwischen Schriftsteller und Leser herzustellen versucht.

Wie würdest du die Beziehung von Aguacatán zur Literatur beschreiben? Hast du literarische Zukunftspläne für die Stadt und die Region?

Zwischen Aguacatán und der Literatur hat sich eine sehr enge Beziehung ergeben, ich glaube, die Stadt ist sehr darauf erpicht, sich der Literatur an verschiedenen Fronten zu nähern, und zwar dergestalt, daß die Bevölkerung Aguacatáns, zumindest die des städtischen und semiurbanen Bereichs, die Literatur als Passierschein nutzt, um einem latenten existentiellen Chaos zu entkommen.
Zu den Plänen gehört, in den Schulen die Lektüre zu fördern, um den jungen Generationen die Möglichkeit zu bieten, die Liebe zur Literatur in sich zu erwecken, ihnen diese faszinierende Welt aufzuzeigen. Kreatives Schreiben zuzulassen, damit neue lokale Werte in die nationale und die Literatur der Welt eingemeindet werden können und das eben Erwähnte beim Internationalen Poesiefestival Aguacatán in Szene zu setzen, welches auch als Plattform dient, die lokale Literatur kennenzulernen.

XVII

Die Gesichter meines Landes
sind abgezehrt
verschollen
fern
manchmal
– um nicht zu sagen immer –
unsichtbar.
Auch so noch rufen sie
bei Nacht die Liebe an.

(Das Gedicht habe ich übertragen aus Rudy Alfonzo Gómez Rivas: El silencio como invento, Editorial Letra Negra, Guatemala 2012)

Nachtrag, 18. Januar 2016
Die Lyrikzeitung übernimmt das Interview in Ausschnitten.

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2 Kommentare zu “Literatur aus dem Hinterland – Interview mit Rudy Alfonzo Gómez Rivas

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