Neulich, in der Kölner Literaturszene (8)

Seit Oktober existiert in Köln eine monatliche Zusammenkunft von Literaten, Journalisten und Übersetzern, die als Flüchtlinge oder Migranten in die Region gelangt sind. In der Bibliothek des Kölner Literaturhauses treffen sie auf einheimische Kollegen. FremdwOrte – Interkulturelles Autorencafé nennt sich das Projekt, initiiert hat es der Kölner Literaturwissenschaftler und Übersetzer Roberto Di Bella.

Ungefähr 20 Personen verteilen sich beim Dezembertreffen um einen runden Tisch, auf dem Wasser, Kaffee und Kekse bereitstehen. Ich blicke in eine offensichtlich mitteleuropäisch dominierte Runde, Namensschilder weisen diejenigen aus, die ihr Kommen zuvor schriftlich angekündigt hatten. Das von den räumlichen Bedingungen vorgegebene Szenario erinnert stärker an ein Seminar als an ein Café. Über zweieinhalb Stunden fungiert Roberto in zentraler Position als Moderator. Weil Marwan Ali, der aus seinen Gedichten vortragen soll, verspätet von einem Amtstermin erscheint, dient die erste Dreiviertelstunde der Klärung einiger Details des künftigen Flyers und bietet den wenigen zugewanderten Autoren der Runde ein anschauliches Lehrbeispiel in deutscher Akribie.

Als mit einigem Schwung der syrische Dichter eintrifft, löst sich die Stimmung. In arabischer Sprache stellt Marwan Ali seine kurzen, aforistischen, teils mit einer Spur melancholischen Humors unterfütterten Gedichte vor, aus der Runde werden englische und deutsche Übertragungen nachgereicht. Ein Gedicht, in dem Marx, Lenin und die Kommunistische Partei auftauchen, bezeichnet Marwan vorbeugend als unpolitisch.

Jahreszeit

Wie konnte der Frühling in deiner Abwesenheit kommen?
Nicht einmal die Jahreszeiten kennen noch Scham.

Ob die syrischen Dichter angesichts der Situation in ihrer Heimat sich nicht vielleicht doch besser politisch äußern sollten, kommt eine nahezu unvermeidliche Frage aus der Runde. Daß Gedichte, als kristalline Gebilde, alles mögliche reflektieren und von denjenigen, die es wollten, häufig auch politisch gelesen werden könnten, daß eine konkrete politische Aussage auf die Gedichtform jedoch nicht passe, lautet Marwans Antwort und Roberto Di Bella wirft Brechts An die Nachgeborenen in die Diskussion, die umgehend in allgemeines Wohlwollen ausflacht. Das Café erscheint bei meinem ersten Besuch vornehmlich als in der Schwebe befindlicher Ort eines möglichen Anknüpfens. Die Fluktuation sei hoch, lautet eine Klage aus der Runde, dieweil ein Teilnehmer in seinen Sprachkurs entflieht.

Syrien

Mein Koffer ist gepackt
Mira in meinen Armen
dieweil ich in diesem fernen Land warte,
und weil die Erde sich dreht,
werden wir eines Tages Syrien erreichen. (1)

Marwan Ali verließ Syrien 1996 und lebt seitdem im Exil in den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen. In Köln sollen dieses Jahr, genaue Zahlen konnte ich nicht auftreiben, um die 4.500 Flüchtlinge in provisorischen Unterkünften aufgenommen worden sein. Das Interkulturelle Autorencafé sucht dort mithilfe von Aushängen nach interessierten Kollegen, konnte bisher jedoch nicht fündig werden. Die bis dato eher wenigen zugewanderten Autoren des Kreises halten sich sämtlich bereits seit einem Jahr oder deutlich länger in Deutschland auf. Auch bei jedem künftigen Treffen soll mindestens ein zugewanderter Autor seine Texte vorstellen.

(1)
Beide Gedichte Marwan Alis, Jahreszeit und Syrien, habe ich nach Übertragungen in der 50. Ausgabe der Zeitschrift Banipal, die moderne arabische Literatur auf Englisch verbreitet, ins Deutsche gesetzt.

Nachtrag, 16.03.2016
Ein zehnminütiges Radioportrait über das Autorencafé lief vor einer Woche in der WDR5-Sendung Scala. Der informative Beitrag steht weiterhin als Podcast zur Verfügung.

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Ein Kommentar zu “Neulich, in der Kölner Literaturszene (8)

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