Von Totenorten

Der romantischste Gottesacker meiner Erinnerung ist der Parkfriedhof in Niebüll. Ich betrat ihn zufällig, er lag gerade recht, um von einem längeren Fußmarsch zu pausieren. Von einer verwitternden Sitzbank blickte ich auf wilde, halb verwunschene Parklandschaften: großzügige Flächen lagen zwischen den Gräbern, das ungemähte Gras erreichte an manchen Stellen Wadenhöhe. Brombeeren, Äpfel und Birnen sprossen aus den Gebeinen, Rankpflanzen rahmten die Perspektiven wie in einem verspielten Scherenschnitt. Im bröckelnden Gemäuer fanden sich Kommunikationsspuren der nahen, ob ihrer Launen gefürchteten See. Das Gräberensemble war gänzlich frei von Pomp. Die einzelnen Grabstätten glichen stilvoll verwilderten Einlässen ins unsagbare Nichts der Ewigkeit: graue Quaderflächen mit eingravierten Zaubercodes aus Buchstaben, Zahlen, Symbolen: eine sympathische Brise blätterte in den Bäumen und erweiterte das Zeichensystem gekonnt um passende akustische Komponenten. Es war ein großer Vormittag. Ameisen paradierten, ein taumelnder Mistkäfer erging sich in simpler Drolligkeit. Berauschend senkte sich das Parfum Gottes in kaum wahrnehmbaren Schwaden über den Ort. Das Singvogelkonzert, zunächst etwas abseits in den Büschen, dann vom vagierenden Luftdruck direkt in meine Gehörgänge appliziert, verlief freudig, doch zu keinem Zeitpunkt ungehalten. Kurzum, der Niebüller Friedhof zeigt sich in der Rückschau derart idealisiert, daß ich meiner Erinnerung nicht trauen kann: Details, die ich unter Eid niemals bestätigen würde, geben sich in meinem neuronalen Netzwerk ein Stelldichein und fügen sich zu grandiosem Kitsch. Offenbar benötigt meine Vorstellung die Möglichkeit eines solchen Idylls, eines memotechnisch verklärten, perfekten Ruhe- und Rückzugsorts, den ich aufgrund seiner Abgeschiedenheit in der Realität kaum je ein zweites Mal betreten werde.

Eindeutiger sind meine Erinnerungen an den British Cemetery in Loos-en-Gohelle. Weiße Grabtafeln stehen auf dem nordfranzösischen Soldatenfriedhof in geordneten Reihen wie bei einer historischen Schlachtaufstellung oder dem Antanzen zum letzten Appell. Die meisten Gräber sind anonym und so denke ich an namenlose Gestalten, gesichtslose Männer, Uniformierte, die in Angst und Hast gegen eine Spiegelachse ziehen, eine Linie, hinter der andere gesichtslose Männer in leicht abweichenden Uniformen wiederum sich der Front nähern, um massenhaft zu töten und sich abschlachten zu lassen für die Interessen einiger weniger, die weit von dieser Front entfernt Gewinne und Verluste aufrechnen. Ein einziger Mann besitzt doch ein Gesicht. Es handelt sich um meinen Großvater väterlicherseits. Im Ersten Weltkrieg war er in Frankreich als Soldat im Einsatz. Wo genau, ist unbekannt. Überliefert ist lediglich, daß er nach Kriegsende zu Fuß in die Heimat zurückkehrte. Mein Gefühlshaushalt gerät angesichts der Gräberreihen außer Balance. Ich bin vom Conseil Régional (dem Äquivalent unserer Landesregierungen) als Freund in eine Gegend eingeladen, die meine Vorfahren als Feinde heimsuchten. Ein Moment, in dem meine Nationalität, die Handlungen meiner Ahnen mich beschämen, auch wenn von den Lebenden in Loos niemand auf die Idee kommt, diese Scham zu befördern. Ich stapfe durch die Reihen, die tiefstehende Novembersonne tüncht einzelne der ohnehin schon blendend weißen Grabtafeln in eine Art Heiligenschein. Auf zahlreichen anonymen Gräbern entdecke ich die Wortfolge „Known unto God“, deren altertümliche Schönheit mich berührt. Zunächst eine shakespearsche Halbzeile vermutend, finde ich später im Internet die Information, daß es sich um ein Epitaf aus der Feder Rudyard Kiplings handelt, den eine besondere, im Ort selbst kaum bekannte Geschichte mit Loos-en-Gohelle verbindet. Der 1907 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Kipling schickte aus patriotischen Überlegungen und unter Einsatz seiner Beziehungen zur Politik seinen einzigen Sohn John, der eigentlich für kriegsuntauglich befunden worden war, an die Front. In der dreiwöchigen Schlacht von Loos im Herbst 1915 wurde John Kipling verletzt und als missing in action deklariert. Nach dem Ende des Krieges reiste Rudyard Kipling, inzwischen zum Pazifisten gewandelt, bis zu seinem Tod im Jahre 1936 jeden Sommer in die Gegend von Loos, um den Verbleib seines Sohnes zu klären. Erst 1992 wurde John Kiplings Grab im Nachbarort Haisnes identifiziert. Den in Loos gefundenen Grabspruch „Known unto God“ nutzte ich als Titel für die Geschichte des in sich selbst verlorenen und unter Tage zu einem Maulwurf mutierten Bergmanns Topowski, die ich gemeinsam mit Dominique Sampiero und dem schlesischen Fotografen Arek Gola vor Ort entwickelte.

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. Foto: Arek Gola

Britischer Soldatenfriedhof in Loos-en-Gohelle. (Foto: Arek Gola)

Vom Fluß meiner Kindheit und Jugend, der Alb, durchflossen wird der Rüppurrer Friedhof. Er ist deutlich älter als die evangelische Auferstehungskirche, zu deren Füßen er liegt und in deren Name die Erwartung einer Zombieinvasion mitschwingt, die von „meinem Stadtteilfriedhof“ ihren Ausgang nehmen könnte. Ein flußdurchflossener Friedhof ist etwas Schönes, doch mich stimmt der äußerlich hübsch anzusehende Rüppurrer Kirchacker stets traurig. An keinem anderen Ort spüre ich die Auswirkungen meiner Wurzellosigkeit in vergleichbarem Maß. Niemand aus meiner verstreuten Familie liegt in Rüppurrer Erde begraben. Wer von uns stirbt, verschwindet in die Anonymität. Also stelle ich mir vor, daß wir nach dem Tod versteinern, um ganz allmählich von Wasser und Witterung zermalmt in die planetaren Kreisläufe einzugehen. An der Alb bestattet liegt Pia. Bei Pia handelt es sich um keine reale Person, sondern um eine lyrische Leiche. Pia steht für die in flokatigepolsterten Nächten und an zähen Sonntagen vor der Silhouette der Schwarzwaldausläufer und zum Soundtrack der Bundesautobahn erwürgte Jugend, für das langwierige, nur teilweise erfolgreiche Abtöten von Sehnsüchten. Die Gedicht-Pia setzt sich zusammen aus Momenten provinzieller Abgestandenheit und hoffnungsvoller Frische, aus Saturiertheit und Magersucht, aus vorgestanzten Träumen mit bürgerlichen Rebellenelementen, eine klassisch-moderne Fertigmischung, die Blumen an ihrem Grab sind die Plastikblumen des Schnellrestaurants, in dem wir uns nach Jahrzehnten zu einer Thaisuppe treffen, welche die längst stattgefundene Ankunft der weiten Welt, nach der wir uns einst im badischen Hinterland so sehr sehnten, symbolisiert. Jetzt habe ich die E-Mail-Adresse der auferstandenen Pia und ihren Tom Kha Gung-Segen. Unsere mit Ölkreide ausgemalten Schnittmengen lagern in muffigen Schubladen. Gehe ich heute über den Albfriedhof, verfremde nicht ich Szenerie und Geschichte in Gedichten, sondern sind es vielmehr die reale Szenerie und Geschichte, die mich verfremden, sogar entfremden, indem sie mir in schmerzhafter Weise das chronisch wiederkehrende Heimatgefühl kurieren. In der gleichen Richtung, in der die Alb durch den Friedhof verläuft, verschwinde ich von diesem Ort und auch in der gleichen Weise: immer auf der Stelle tretend, immer auf der Flucht.

Am Día de los Muertos wird in Guatemala gemeinsam mit Nachbarn und Bekannten Fiambre (was im Spanischen sowohl Leiche, als auch Kaltgericht bedeutet) gegessen, ein überreicher Mischmasch, der tagelanger Vorbereitung bedarf und dessen Zutaten die Hundert überschreiten können, weil jede Zutat die Lieblingsspeise eines Ahnen repräsentiert. Leben und Tod wirken im tropischen Zentralamerika mit seinen Gewaltexzessen üppiger und enger verschlungen als in Europa. So gehen in Quetzaltenango im guatemaltekischen Hochland die Viertel der Lebenden und der Toten trotz trennender Mauern auf magische Weise ineinander über. Vom zentral gelegenen Cementerio General ergeben sich die faszinierendsten innerstädtischen Ausblicke, einige Friedhofsfluchten scheinen in Wohnstraßen zu münden, deren Häuser exakt die Farbigkeit der Grabmäler besitzen. Die umgebenden Vulkane wirken als wurzelten sie, wo die Toten wohnen, und wulsteten sich von dort empor, verstärkt wird dieser Eindruck durch einen auffälligen Ceibabaum, der in der Maya-Mythologie der germanischen Esche Yggdrasil entspricht, indem er als Weltachse Himmel, Erde und Unterwelt verknüpft. Zwei Pyramiden ähneln in Größe und Material frappant dem Wahrzeichen meiner Heimatstadt, der Karlsruher Pyramide auf dem Marktplatz, nur daß sie eleganter gearbeitet und von Marmorsfingen bewacht sind. In Nähe des Haupteingangs befindet sich die blumenbedeckte und mit Wünschen bekritzelte Skulptur der vor hundert Jahren verstorbenen Zigeunerin Vanushka, ein Pilgerort für Menschen, die an unglücklicher Liebe leiden. Während vor der Friedhofsmauer Schnapsleichen zucken, räuchern innerhalb Hinterbliebene mit Maisblattfeuern und geflüsterten Sprüchen die Seele eines Verstorbenen nach. Zu zweit und in Kleingruppen promenieren gelöste Menschen über die Hauptachse, um in Urnengassen und Hügelwellen zu verschwinden und an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Ganz allein unter fremden Toten fühle ich mich plötzlich frei: überwältigt von einer Ahnung, dieser von potenten, freundlich dreinschauenden Bergen bewachte farbenfrohe Friedhof diene als Übergangsort, an dem die Verstorbenen, für kurze Zeit nur, in ihren Gruften geheimnisvolle Formeln studieren, um sich auf ein neues unbekanntes Leben vorzubereiten.

Geschnitzte und bemalte Totenheinis am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Geschnitzte und bemalte Totenfiguren am Verkaufsstand einer Maya-Kooperative in Guatemala

Am Ende des Goldenen Horns liegt, am eindrücklichsten mit dem Vapur, der Dampfschifffähre, zu erreichen, der Istanbuler Stadtteil Eyüp. Benannt nach Abu Aiyub al-Ansari, einem Gefährten Mohammeds, dessen Grab sich in der Eyüp-Sultan-Moschee befinden soll, gilt der muslimisch geprägte Stadtteil als bedeutende Pilgerstätte. Vom Wasser fällt der Blick über Eyüp auf den Pierre Loti-Hügel. In diesem Blickwinkel die prägendste Erscheinung bietet der Friedhof, ein von Baumgruppen durchsetztes Gräberfeld, fast wie ein Steinbruch, mit geometrischen Mustern, die archaischen Strukturen aus Beton beziehungsweise einer eingefrorenen Computerspielkulisse in Grautönen gleichen. Über den Friedhof hinweg pendelt seit 2005 eine modern designte, touristische Seilbahn. Sie bedient die Aussichtsterrassen, Cafés und Teegärten auf dem Gipfelplateau mit seinen aufgereihten Münzfernrohren. Unablässig strömen Paare und Gruppen den Hügel hinauf, die Situation erinnert an den Drachenfels, nur daß in Eyüp statt einer Burgruine Grabsteine die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vom Gipfel fällt der Blick anstatt über den Rhein über die autark wirkende Gräberstadt und die Bosporusausbuchtung auf die Rückseite des abendländischsten Teils Istanbuls: das pulsierende Beyoğlu, bekrönt von Levents Hochhäusern. Bei näherem Betrachten, der Hügel läßt sich leicht auch zu Fuß erschließen, erweist sich der Friedhof als Gräberdschungel, für dessen Betreten Querfeldein- und Kletterfähigkeiten von Vorteil sind: die Pfade zwischen den Gräbern sind extrem schmal, steil oder inexistent. Erkundungen anzustellen, ohne auf einzelne Gräber zu treten: ein Ding der Unmöglichkeit. Auf den Grabsteinen entdecke ich Koranverse in arabischer Schrift und Gedichte in türkischer Sprache. Die trauerschwere weißgraue Marmorwildnis hin und wieder gelockert vom Farbtupfer einer Blumenblüte. So gut wie niemand betritt den eigentlichen Friedhof, die Touristen bleiben hinter der niedrigen Mauer zurück und blicken auf das Gräberfeld wie auf eine beliebige Sehenswürdigkeit. Ein geflügeltes Wort behauptet, die zahlreichen streunenden Katzen Istanbuls mieden von allen Orten die Friedhöfe. In Eyüp gilt dies höchstens solange, bis jemand seine Essenreste über die Mauerbegrenzung kippt. Bis vor hundert Jahren sollen viele Istanbuler Friedhöfe wie heute wohl nur noch der von Eyüp wilde urbane Flecken zwischen den Wohnsiedlungen gewesen sein, abenteuerliche Gelände, in denen Geier und furchterregende Gestalten sich herumtrieben, gefährliche Orte, von denen die Katzen wußten, weshalb sie ihnen fernblieben, überkommene Orte, an denen der Tod aktiv am Leben teilnahm.

Nicht zuletzt dank der Berühmtheiten, die auf ihm bestattet wurden, ist der Père-Lachaise einer der bekanntesten Friedhöfe der Welt. In einer langen Reihe von Friedhofsbesuchen war er der erste, den ich unter touristischen Aspekten aufsuchte. Zuvor hatte einer meiner Brüder mir von seinem Paris-Besuch erzählt, bei dem er sich, weil er die französischen Anweisungen des Wächters nicht verstand, bei Dunkelheit auf dem Père-Lachaise-Gelände eingeschlossen fand. Also überkletterte er die Friedhofsmauer, an einer Stelle, die im Jenseits urbanes Licht versprach – und landete mitten auf der Bühne einer grell ausgeleuchteten Filmhandlung mit leichtbekleideten Schauspielerinnen und einem tobenden Regisseur, dem der unverhoffte Eindringling die Szene versaut hatte. In meiner Erinnerung besteht der Père-Lachaise aus Kapellengräbern, einem rapiden Kältesturz um mindestens zehn Grad Celsius und der bibbernden Suche nach der letzten Ruhestätte Jim Morrisons, die mir gleichgültig war, meinem Freund Klaus, der mich begleitete, jedoch eminent wichtig, sodaß wir uns von den imposanten Grabmonumenten etwa Oscar Wildes ab- und einer im Umherirren geführten Debatte zuwandten, die, dem Umstand geschuldet, daß zum Zwecke angemessener Morrisonapproximation eingenommene Lysergsäure unsere Gedankengänge stimulierte, rasch an Abgründen gewann. Während Klaus nach Kreidepfeilen spähte, die das versteckt liegende Morrison-Grab anzeigen sollten, stellte ich Berechnungen an wie unsere Überlebenschancen stünden, sollte der begonnene Kältesturz sich fortsetzen. Daß wir in Bewegung waren, war in dieser Hinsicht günstig, nur müßte es mir gelingen, den Freund davon zu überzeugen, daß uns Nachgeborene mit diesem Morrison weit weniger verband als gemeinhin behauptet. Die Zeit begann sich zu dehnen und zurückzuschnalzen wie ein Expander. Die Friedhofshügel wandelten sich in schwarze Gletscher. Unser Streunen glich zunehmend dem Moonwalk Michael Jacksons: kaum war uns mehr bewußt, in welche Richtung wir uns bewegten. Unsere Fußstapfen pflügten den Boden und hinterließen tiefe Krater. Aus meiner Gegenwart entwich in frostigen Atemzügen der Sinn. Da plötzlich grinste Klaus mir triumfierend ins Gesicht. Wenige Meter entfernt lag, umstanden von kargem Gesträuch und einer handvoll langhaariger Silhouetten, wie nach einem Filmschnitt, das Morrisongrab! Eine junge Frau im Poncho schüttete den Inhalt einer Flasche Rotwein auf den Boden. Aus dem Gebüsch löste sich ein weinender Mann und trat direkt auf Klaus zu: „Du, hasch vielleicht emol e Dembodascheduuch?“ Im selben Augenblick spürte ich die Kräfte des Rock’n’Roll mich mit aller Macht von diesem Ort abstoßen. Auch Klaus hatte genug gesehen. Wortlos blickten wir uns an und machten auf dem Absatz kehrt, um uns den Lichtern von Paris zuzuwenden.

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