Maismenschen

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„Die Hand, die jäh die Maisähre bricht, damit die Frucht ganz ausreift, ist wie die Hand, die den Klang der Glocke mitten entzweibricht, damit der Tote ausreifen kann.“

„Asturias, Asturias, Asturias, die ganze guatemaltekische Literatur ist Asturias“, erklärt gestikulierend der PEN-Vorsitzende des Landes, Carlos René García Escobar, als er mich durch Guatemala-Stadt chauffiert, und zählt ein paar Titel des Nobeltreisträgers auf. „“Hombres de maíz“ habe ich auf Deutsch im Gepäck“, entgegne ich, unschlüssig darüber wie Carlos sein Statement gemeint haben könnte. Da fällt das Thema bereits unter den Tisch, bzw. in den Fußraum des Wagens, wir kommen, inspiriert vom Geschehen vor der Windschutzscheibe, übergangslos auf Verkehr, Kriminalität, Politik und die Dichtung der jüngeren Generationen zu sprechen. Der Name Asturias begegnet mir in Guatemala fortab ähnlich wie der Name Grass in Deutschland: als angestaubter, mehr oder minder beschädigter Monolith, dem gerade nichts hinzuzufügen ist.

„Die Maismänner“ (wie das Buch in der mir vorliegenden Übersetzung von Rodolfo Selke heißt – es existiert noch eine weitere, „Maismenschen“ betitelt), meine Reiselektüre, läßt sich in heutiger Diktion am besten als Remix des Popol Vuh, des Heiligen Buches und Schöpfungsmythos der Maya beschreiben. Asturias nimmt bereits im Popol Vuh enthaltene Momente des Magischen Realismus auf und transponiert dessen illustres Personal aus prominenten Tierkriegern und Göttern zu geschlagenen Charakteren aus den einfachen Bevölkerungsschichten der Provinz. So setzt sich der Roman aus sechs bildmächtigen Einzelerzählungen zusammen, die jeweils nach ihrer Hauptfigur benannt sind. Zwischen den Erzählungen ergeben sich personelle Schnittmengen, allen gemein ist das geografische Milieu des Hochlands mit seinen indianischen Bewohnern und ihrer Weltsicht einer in sämtlichen Elementen belebten, zyklisch sich organisierenden Natur: in den Lebenden sind die Toten spürbar enthalten, den Maisgeborenen ist ihre künftige Eigenschaft als Maisdünger bewußt. Nicht selten geht die Handlung unter ihrer eigenen Bildhaftigkeit verschütt, in plastischen, poetischen, fabulierend wogenden Schüben wie aus der wind- und regenbewegten, saftig und dornig dümpelnden Natur der Mayagebiete.

„Man hat mir ja schon Medizin gegeben. Was ich in der Brust spüre und was man mir untersucht hat, ist Herzensschaum.“
„Ach du Scheiße! Was ist das denn?“
„Leuten wie mir, die ihr Leben lang immer gut getrunken haben, bleibt ein schaumiger Rückstand von all dem Likör im Blut, und wenn dieser Schaum das Herz erreicht, stirbt man. Das Herz verträgt den Schnapsschaum nicht.“
„Aber dagegen muß es doch ein Mittel geben…“
„Ja, noch ein Schlückchen… Wie meinen?“

Zäh und beharrlich geht das Erzählen vonstatten wie die Feldarbeit im Hochland, die ich auf diversen Autofahrten aus der Ferne betrachte, die bis heute von Hand betrieben wird. Bis in die Gegenwart von Großgrundbesitzern ausgebeutete Campesinos marschieren nach verrichtetem Tagwerk mit geschulterten Macheten die Landstraßen heimwärts. Manche erreichen ihr Zuhause nicht, sondern bleiben, vom Schnaps niedergestreckt, zuckend am Straßenrand oder gleich direkt vor dem Friedhofstor liegen. Mit derartigen Beobachtungen wie ich sie an verschiedenen Stellen im Departamento Huehuetenango mache, korrespondiert eine der schönsten Schnapstrinkerpassagen der Literatur, gleichwohl mit vorhersehbarem Ausgang, als in der Buchmitte die Compadres Revolorio und Goyo Yic sich seitenlang gegenseitig ihren Fusel um immer dieselbe Münze abkaufen, bis der Kanister, mit dem sie für guten Verdienst ein halbes Dorf abfüllen wollten, geleert ist.

In Aguacatán zu Füßen der Sierra de los Cuchumatanes, abseits der Touristenpfade, werde ich zufälliger Zeuge einer Maya-Räucherzeremonie für einen Toten und verbinde das Gesehene sogleich mit einer Buchpassage über Maisblattfeuergeknister. Asturias beschreibt Guatemala in seiner natürlichen, sinnlichen Vielfalt, die Geschichten sind angereichert mit Auftritten von Vögeln, Pflanzen, Gerichten und Getränken, von denen ich noch nie zuvor gehört habe. Bei den Schulspeisungen auf Mayagebiet, zu denen ich als Gast geladen werde, und auf Märkten erweist sich, daß die kulinarischen Hinweise des Buches weiterhin zutreffen: ich verkoste Atol (ein schrotiges, warm serviertes Maisgetränk), in Bananenblätter geschlagene Reistamales (ein herzhaftes Risotto) oder Nancefrüchte und andere, der deutschsprachigen Wikipedia bis dato unbekannte Köstlichkeiten. Am Straßenrand erblicke ich Ortsbezeichnungen, die auf historische Mayahelden weisen, die wiederum das Maismenschen-Personal bereichern: in einigen Momenten kommt es mir vor, als befahre, bewandere und erkunde ich anstelle Guatemalas ein sechzig, siebzig Jahre altes Buch, Momente, die jedoch schnell in Wirklichkeit und Moderne sich lösen: die Tochter der Marktfrau, die nur Tz’utujil spricht, spielt mit ihrem Smartfone, statt Eselskarren holpern Pick-ups und Tuk Tuks durch die Provinz, gerade hat ein im Lande wegen seines Blicks auf die Mayakultur kontrovers diskutierter Spielfilm, Ixcanul Volcano von Jayro Bustamente, der erste guatemaltekische Wettbewerbsfilm bei der Berlinale überhaupt, einen Silbernen Bären gewonnen.

Menschen sind wie in Kleider gehüllte Tamales, aus denen der rote Saft quillt.

Im Spannungsfeld zwischen Lebens- und Todesmetafern wabert ein beschwörender Text voller blut-, feuer-, liebes-, haß- und alkoholgetränkter Zauberformeln, die mit Macht aus dem Leben mit seinen profanen Vorgängen hervortreten, das sie zur Beiläufigkeit verurteilen, dieweil die mystische Dimension obsiegt: überfrachtet-bunte, nach innen gespiegelte Geisterhaftigkeit wie aus Überblendungen der gemalten Visionen Henri Rousseaus und Hieronymus Boschs, ein psychedelischer Ouroboros-Comic, naiver Normalitätssplatter als Möbiusschlaufe. Die Guatemala durchwirkende, täglich in den Zeitungen abgehandelte Gewalttätigkeit strebt ihrer Erlösung in zeremoniellem Wort und freier Fantasie entgegen: keine im modernen Sinne mitreißende, sondern vielmehr eine mit unzähligen Falltüren ins Reich der Mystik versehene, die Beharrlichkeit bäuerlicher Rhythmen imitierende und fordernde Lektüre.

„Immer betrügt man sich selbst in der Hoffnung, daß die Dinge so sind, wie man sie sich wünscht. Leider sind sie es nicht. Gaspar ertrank. Aber nicht, weil er nicht schwimmen konnte – du sagtest selbst, er war mit dem Wasser vertraut wie ein Fisch – sondern weil er im Lager statt lebendiger Menschen nur Leichen fand. Die Soldaten hatten alles niedergemetzelt. Das traf ihn härter als jeden anderen, war er doch ihr Führer, und so wurde ihm klar, daß er mit ihnen gehen mußte, mit den Gemordeten. Um nicht der Patrouille den Gefallen zu tun, auf den sie warteten, ließ er sich in den Fluß fallen – aber nun nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Stein. Du mußt wissen, wenn Gaspar schwamm, war er zuerst eine Wolke, dann ein Vogel und schließlich der Schatten seines Schattens auf dem Wasser.“

Miguel Angel Asturias: Die Maismänner, Volk und Welt, Berlin 1985 (Originalausgabe: Hombres de Maíz, Editorial Losada, Buenos Aires 1949)

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