Guatemala-Stadt (3)

Flugstudie: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Vom Fliegen: anonymes Werk in den Straßen der Hauptstadt

Während meines Aufenthalts ist Guatemala-Stadt Kulturhauptstadt Zentralamerikas. An Aktivitäten bekomme ich lediglich ein Marimba-Orchester mit, das in der Mittagshitze unter der öffentlich zugänglichen Bühnenmuschel im Parque Centenario seine Setliste abarbeitet. Das wechselnde Publikum sitzt, von Regenschirmen gegen die Sonne geschützt, unter freiem Himmel, einige ältere Menschen umschlingen sich im Paartanz. Wenige Schritte entfernt sind Meilensteine der Kunstgeschichte auf der Straße ausgestellt: auf Stelzen gesetzte Drucke, sämtlich auf ein und dasselbe Format nivelliert. Besonderen Anklang bei den Betrachtern, ausschließlich Männern, findet ein barocker Frauenakt. Bei meinen Erkundungsrunden entdecke ich an Hauswände und Stromverteilerkästen applizierte, häufig anonyme Werke mit dringlichen Aussagen, die kaum im Kulturhauptstadtprogramm zu finden sein dürften.

Wachmann mit Pumpgun

Im Vorübergehen höre ich einen Straßenhändler mit Vocoderstimme müde monotone Verkaufsverse rezitieren. Ein Teenager hält ein Bündel Kabelenden in die Luft und findet tatsächlich Interessenten. Ein unbeschäftigter Mensch hat sich zwei leere Bierkisten als Hocker auf die Straße gesetzt und wartet auf garnichts. Zwei Blocks weiter wird mürrisch eine Mauer bewacht. Eine Menge Vergeblichkeit dünstet in das eigentlich, vonseiten der Natur, durchaus angenehme Klima.

Dreckiger Himmel

Dreckiger Himmel

Auf verspiegelten Scheiben eilen die Himmel vorüber und achten wenig auf das Geschehen zu ihren Füßen, bilden stattdessen Gummibärchenwolken und ziehen sich später zu einem Grollen zusammen. Kaum werde ich des Stadtwanderns überdrüssig, als ich von einem Fahrrad (!) angeklingelt (!) werde: der einzige Weiße, dem ich auf den Straßen der Hauptstadt begegne, ist ein schwäbischer Tourist, der gerade mit seinem Guide eine fünfstündige Radtour durch den Betondschungel absolviert hat. An einer schicken kleinen Bar probieren wir ein paar eigenartige Getränke.

Mit den Kollegen Kaypa Tz'ikin und Wingston González nach einem gemeinsamen Kaqik-Essen

Mit den Kollegen Pascual Tz’ikin und Wingston González

Zwei Dichterfreunde, die jeweils eine Minderheitensprache Guatemalas repräsentieren, mache ich beim Kaq’ik-Essen im Restaurant Arrin Cuan miteinander bekannt. Direkt hinter unserem Tisch spielt die hauseigene Marimba-Combo, was den lebhaften Gesprächen keinen Abbruch tut. Pascual schreibt auf Tujaal, einer Maya-Sprache, die im Departamento El Quiché beheimatet ist, Wingston auf Garífuna, einer Einwanderersprache, die an der Karibikküste gesprochen wird. Am Abend trage ich im Deutschen Sprachinstitut in der Zona 10 Gedichte vor und beantworte zahlreiche Fragen zu Deutschland. Institutsleiter Hartmut Schostak hat, eine kleine Sensation, zur Befeuerung des Vortrags und der Aufnahmewilligkeit des Publikums Urfränkisches Dunkelbier bereitgestellt: auf diese Weise gerät der Vorabend meines Rückflugs unweigerlich zu simulierter Heimat. Auf dem Rückweg zum Hotel sehe ich über dreißig, vierzig Blocks keine Menschenseele auf der Straße. Es ist noch nicht einmal Mitternacht und die Millionenmetropole hat sich in eine verrammelte Geisterstadt wie aus einem Zombiefilm verwandelt.

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