Vom Verschwinden der Verschwundenen



Die Stimmung im Zentrum von Guatemala-Stadt wirkt bedrückt. An den Hauswänden kleben Steckbriefe Verschwundener, von Mord-, Folter- und Genozidopfern. Der Bürgerkrieg hinterließ eine traumatisierte Gesellschaft, die angefressenen Plakate lassen sich ebenso als breitgestreutes Symptom auf der städtischen Oberfläche betrachten wie Anti-Gewalt-Poster und Sprühparolen („Alle lügen, niemand hält Wort“, „Irgendwer hat sämtliche Blumen vernichtet“), die sich mit dem Zustand des öffentlichen Lebens auseinandersetzen. Die Mordrate der Stadt zählt zu den höchsten der Welt, die Ursachen sind vielfältig: Guatemala liegt auf der Drogenroute zwischen Südamerika und den Vereinigten Staaten, der Busverkehr wird von Banden kontrolliert, Frauen fallen dem Machismo zum Opfer, Korruption ist allgegenwärtig, die Aufklärungsraten niedrig, die öffentlichen Zuschreibungen sind teilweise gesteuert und irreführend. Typische Zeitungsmeldungen lauten: „In der Nacht auf Sonntag wurde der Fußballer (Name angegeben) vor dem Eingang einer Disco in der Zona Viva von unbekannten Subjekten mit mehreren Kugeln niedergestreckt. Die Liga betrauert seinen Abgang“ oder „Vergangenen Nachmittag wurde ein Bus der Linie (Nummer angegeben) in der Hauptstadt von Bewaffneten angehalten, der Fahrer empfing drei Kugeln in Brust und Kopf, ein Fahrgast in der Nähe des Chauffeurs wurde von einer vierten Kugel verletzt“. Im Durchschnitt verzeichnet Guatemala-Stadt acht Morde pro Tag.

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