Quetzaltenango

Quetzaltenango (Ort des Quetzals (1), den es in der Region längst nicht mehr gibt), meist Xela (sprich: Schela) genannt, nach ihrem alten Mayanamen Xelajú, gilt nach der Hauptstadt als zweitgrößte Stadt Guatemalas. Auf den Sedimenten eines ehemaligen Bergsees in rund 2400 Metern Höhe gelegen, leben, von grünen Gipfeln umgeben, über 100.000 Menschen – die größten Bevölkerungsgruppen bilden Ladinos und Quiché-Maya.

Umgespritzte us-amerikanische Schulbusse, chicken buses, sind die Haupttransportmittel in Guatemala. Die privaten Betreiber sehen sich mit Schutzgelderpressungen diverser Banden konfrontiert. (2) Der Name chicken bus rührt einerseits daher, daß die Passagiere bisweilen wie Hühner auf der Stange sich zusammendrängen müssen, Stehplätze eingeschlossen, andererseits daher, daß tatsächlich Hühner zum Transportgut gehören. Gepäck wird in der Regel auf dem Dach festgezurrt.

Mondgebadete Straßen: Mural der lokalen Acción Poética. Xela gilt, jeweils zurecht, als Stadt des Mondes und der Schokolade. Im Café Luna, das zugleich als Museum für Stadtgeschichte dient, wird eine unvergleichliche Trinkschokolade serviert. Der Mond selbst blieb während meines Aufenthalts hinter den Gewitterwolken der Regenzeit verborgen – mir liegen jedoch Erzählungen, Lieder und Beweisfotos für seine in Quetzaltenango außergewöhnliche Schönheit vor.

Obgleich durch eine Mauer getrennt, scheinen in Xela die Städte der Lebenden und der Toten nahtlos ineinander überzugehen. Der Friedhof als zentraler Ort bietet einige der schönsten Blickwinkel der Stadt. Zwei schlanke Pyramiden-Grabmäler übertreffen in Größe und Design die Pyramide auf dem Karlsruher Marktplatz, das Wahrzeichen meiner Heimatstadt. Auf die liegende Marmorskulptur von Vanushka Cardenas Barajas sind Botschaften mit Textmarker gekritzelt. Das Zigeunermädchen soll aus Verzweiflung über ihre unmögliche, nicht standesgemäße Liebe gestorben sein und seit Jahrzehnten gegen Blumengaben verlorene Liebschaften zurückbringen. (3)

Zu dröhnender Elektrocumbia aus dem CD-Player preßt die junge Dame an Vormittagen Obst- und Gemüsesäfte im Akkord. Zu jedem Getränk wird ein Bonbon serviert, wer möchte, kann sich rohe Hühner- oder Wachteleier in den Orangensaft schlagen lassen. Vor dem Stand sind einige Plastikhocker aufgereiht, das bunt gemischte Publikum stammt aus dem Viertel, man kennt sich. Ein kommunikativer Ort. Als ich mich auf Nachfrage als Schriftsteller oute, ernte ich skeptische Blicke und lenke das Thema schnell auf Fußball. Wenige Tage zuvor waren zwei die Stadt besuchende Journalisten von Straßenhändlern ihres Equipments beraubt und verprügelt worden.

(1) Der Quetzal, ein sehr seltener farbenprächtiger Vogel, ist das Nationaltier Guatemalas. Darstellungen finden sich allenthalben, auf Fotopostern, Wandgemälden, sogar die Währung trägt seinen Namen. Weil er in Gefangenschaft eingeht, gilt er als Freiheitssymbol.
(2) Häufig ist in den Landesnachrichten von erschossenen Fahrern zu lesen, bisweilen treffen die Kugeln auch Passagiere. Gründe für die Morde an Busfahrern sparen sich die Blätter. Sie sind allgemein bekannt.
(3) Ihre Geschichte wurde zur Schnulze.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s