Liebesbriefe

Liebesworte
beflügelten ihn;
wie Tauben schlüpften
sie aus seiner Hand,
beraubten das Herz
seiner Schläge.
Lange Silberfäden
breiteten sich aus der Luft
meine Hand zu erreichen,
und fanden ihr Nest
in meinem Herzen.
Rings um mich herum
flattern unsichtbar
die Liebesworte.

Vor einigen Monaten bemängelte Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, die wunderbaren Gedichte Alaíde Foppas seien bisher nicht auf Deutsch verfügbar. Mit einer Übertragung von „Cartas de amor“, der Originaltext findet sich unten, habe ich begonnen, diesem Mißstand Abhilfe zu schaffen. Vor knapp zwei Wochen hatte mir Wingston González, ein junger Dichter, von dem hier noch zu reden sein wird, in Guatemala-Stadt „mit schönen Grüßen des Verlegers“ (nämlich des Ministeriums für Kultur und Sport, in dem Wingston arbeitet) den Band „Viento de primavera“ („Frühlingswind“) übergeben: eine 2014 erschienene, gut 200-seitige Sammlung mit ausgewählten Werken der Dichterin. Vor 35 Jahren war Alaíde Foppa von mutmaßlichen Mitgliedern des Militärgeheimdienstes G-2 entführt worden und zählt seither zu den zehntausenden Verschwundenen, die Guatemala seit Beginn der Achtzigerjahre beklagt. Aus dem Großbürgertum stammend, hatte sich Alaíde Foppa für Menschen-, Gefangenen- und Frauenrechte eingesetzt. Von der gerade nachrückenden Dichtergeneration in Guatemala wird sie, soweit ich mitbekam, mit leuchtenden Augen verehrt.

Cartas de amor

Las palabras de amor
le dieron alas;
de su mano se escaparon,
como palomas,
y al corazón le robaron
sus latidos.
Largos hilos de plata
en el aire han tendido,
para llegar hasta mi mano,
y en mi propio corazón,
hallaron nido.
Hay a mi alrededor
un invisible vuelo
de palabras de amor.

P.S.: Wingston González meldet, daß es auf einem schweizerischen Chiapas-Portal vielleicht doch bereits eine Foppa-Übertragung ins Deutsche gegeben habe. Tatsächlich findet sich dort ein von Gabriele Thomas übersetzter Brief von Subcomandante Marcos von Januar 2005, dem ein Zitat aus dem Zyklus „La sin ventura“ („Die Glücklose“) als Motto voransteht. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein komplettes Foppa-Gedicht, sondern um einen kurzen Ausschnitt eines mehrseitigen Textes.

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