Die Maya-Dichtung von Pascual Felipe Tz’ikin

tz'ikin_palabras de pajaroAuf dem internationalen Poesiefestival von Aguacatán habe ich mit Pascual Felipe Tz’ikin einen jungen Mayadichter kennengelernt, der seine Texte ursprünglich auf Tujaal (zumeist bekannt als Sakapultekisch), einer in der guatemaltekischen Region El Quiché gesprochenen Mayasprache verfaßt und selbst, „roh“ wie er sagt, ins Spanische überträgt. Die Sprecherzahl des Tujaal-Maya hat in den letzten Jahren so stark abgenommen, daß der Sprachbestand gefährdet ist. (1)

Pascuals Gedichte erscheinen bei Caféina Editores („Koffeinverlag“) in Aguacatán, einem Kleinverlag aus der Provinz, der landesweit beachtet wird, seit derartige Publikationen einen Leerraum erschlossen. (2) Als Dichter nennt er sich Kaypa‘ („Blitz“), bzw. Kaypa‘ Tz’ikin, eine Kombination, die unterschiedlich nuancierte Bedeutungen besitzt, etwa Blitzvogel, Blitzender Quetzal, Gefiederte Feuerschlange oder Feueradler. Tz’ikin, die Vogelkomponente des Namens, geht direkt auf seine Vorfahren zurück, eine Ahnenlinie, die seit mehr als 500 Jahren andauert. Kaypa‘, die Blitzkomponente, korrespondiert bei den Tujaal-Maya mit verschiedenen Nahualen (3) wie dem Quetzal oder dem Obsidian.

Mitte Juli feierte Pascuals Band “Rich’ab’al Tz’ikin / Palabras de Pájaro” („Vogelworte“) Premiere. In der Originalsprache performt sind die Gedichte ein unvergleichliches Erlebnis, der Vortrag erinnert an schamanische Besprechungen, die Tujaal-Laute knallen und prasseln wie Feuer, sie hecheln und stutzen, als hielten sie Ausschau, stürzen dann wieder voran, letztlich entführen sie in psychedelische Gefilde, das heißt, und dafür braucht es nicht die geringsten Tujaal-Kenntnisse, in eine andere, intensive Geistesverfaßtheit. Beim Zuhören fühlte ich mich, als wäre von Seiten der Bühne plötzlich ein Wackelkontakt zum Gemurmel uralter Wesenheiten entstanden. Pascual inszeniert einzelne Gedichte auch als Dialog mit seiner Stimme vom Band zu selbsteingespielter Musik und als Handpuppe fungierender Jaguarmaske – Text, der in Tanz übergeht: eines der magischsten Spoken Word-Momente meines Lebens, das mich technisch gesehen an frühe eigene Experimente mit Tapezuspielungen erinnerte.

Der Blitz und der Jaguar umkreisen sich im Dialog. Salón Don Bosco, Aguacatán, Juli 2015

Der Blitz und der Jaguar umkreisen sich im Dialog (Salón Don Bosco, Aguacatán, Juli 2015)

Pascual schreibt: „Das im Dialog und Tanz mit dem Jaguar diskutierte Thema lautet Qakik’el („Unser Blut“):

Elqera’aj ripetikwa’ ajertaq tziij
ela’ kiya’mka’n qate’t qamaam

Elqera’aj nem rik’aslemaal
Keq’axwa’ k’eytaq tun
Keq’axwa’ k’eytaq baktun

Elqera’aj xa’ junam rik’iin jun kaypa´
Kirtzij qab’eey
Chipam nemtaq aqo’m
Kirtzij qab’eeyChipam nemtaq aq’ab’

elqera’aj k’aslek paqanima’
k’aslek paqano’jb’al
k’aslek paqakike’l

Elqera’aj xa’ junam rik’iin jun saqarb’al
Re ajertaq tziij

Keq’axwa’ k’eytaq tun
Keq’axwa’ k’eytaq baktun
Elqera’aj kichupstajtwa’ riwach (4)

Der Text handelt von der Mayakultur, der alten Weisheit, vom Mais, unserem Land, unserem Volk, von Kämpfen, Widerstand, von der Erinnerung. Es handelt sich um einen Dialog zwischen den Generationen, zwischen Tag und Nacht, Licht und Finsternis, über Ergänzung, mit dem Kosmos, mit dem Herzen des Himmels und dem Herzen der Erde, eine Zeitreise…“ Das Jaguarmotiv ist dabei ein in der Mayakultur zentrales. Bekannt als Balam, repräsentiert der Jaguar, der in Guatemala heute noch wild vorkommt, die Ambivalenz von Licht und Dunkelheit und ist Gegenstand praktisch jeder künstlerischen Ausdrucksform, von der Keramik über Malerei und Skulptur hin zum auf der Bühne vorgetragenen Gedicht.

Pascual sagt, er orientiere sich bei seinen Auftritten an der Tradition der alten Erzählmeister, „ajtziij“ oder „ajtok“ genannt; anstatt deren Formen der mündlichen Überlieferung eins zu eins zu kopieren, modernisiere er deren Verfahren. Die immergleichen alten Geschichten wolle er nicht nacherzählen. Sie dienten ihm jedoch als Ausgangsstoffe, auf deren Basis er neue Texte und Ausdrucksformen schaffe. Unter diesen Ansatz fallen auch Auftritte mit seiner Musikgruppe „Tujaal Rock“. (Hier geht es zum vollständigen zweiten Album der Truppe auf Soundcloud, inklusive einer musikalischen Umsetzung von Qakik’el.)

Nachdem wir beide auf der Bühne gestanden hatten, reichte Pascual seine Tujaal-Gedichte an mich weiter und grinste: “Los, lies mal vor!” Ich versuchte, seine Aussprache und seinen Rhythmus zu imitieren und als ich geendet hatte, urteilte er: “Nicht schlecht!” Dann las er den Text nochmal selber, und ich entdeckte, daß ich auf acht Zeilen rund hundert Fehler begangen hatte. Zu der Tatsache, daß einige Buchstaben in Mayasprachen anders als im Deutschen oder Spanischen ausgesprochen werden, kommen die schnalzenden, klickenden Gaumenlaute. Die wiederum schien Pascual in meinem Bühnenvortrag aufgespürt zu haben. Von allen, die er es in meiner Gegenwart versuchen ließ, vermochte ich der korrekten Tujaal-Aussprache angeblich am ehesten beizukommen. Mein rachenlastiges Deutsch ähnele ziemlich seinem Tujaal, meinte Pascual.

Die „Vogelworte“ bestehen aus Anrufungen der Weiblichkeit, Natur, zugleich des Gedächtnisses des Tujaal-Volkes, Formeln zur Vergegenwärtigung der Naturkreisläufe. Ins Spanische übertragen verlieren sie an Magie: die urtümlich tönenden, energiegeladenen Lautfolgen verschwinden zugunsten bekannt erscheinender, schlichter Floskeln. Im Original jedoch klingen die Gedichte nach selbstbewußter Traurigkeit wie aus den Tiefen der Bäume, der Berge, des Windes und des Feuers entstanden, die ihre Schönheit ausstellen, indem sie sich ihrer Gegenwart und Vergangenheit vergewissern und sich selbst zu beschwören scheinen wie ich es ähnlich bisher nur aus den sursilvanischen Texten (einer ebenfalls bedrohten Sprache) des vor einigen Monaten verstorbenen Vic Hendry kannte.

***

(1)
Knapp unter 7.000 Tujaal-Sprecher zählte die UNESCO in einer Erhebung im Jahr 2009. Gleichzeitig belaufen sich ihre Schätzungen auf mehr als 20.000 Sprecher noch in den 90er-Jahren, was einen rapiden, heftigen Schnitt bedeuten würde, der mit erheblichen Migrationsbewegungen in die Städte bzw. die Vereinigten Staaten in Verbindung gesetzt wird. Auch das guatemaltekische Bildungsmodell, das normalerweise Spanisch als einzige Unterrichtssprache vorsieht, unterhöhle den Tujaal-Gebrauch, hinzu käme der (nicht näher ausgeführte) Rassismus und die Diskriminierung in den Massenmedien. Unter den derzeit noch 23 Minderheitensprachen Guatemalas (22 Mayasprachen und das karibische Garífuna) betrug der Tujaal-Sprecheranteil bei der Zählung lediglich 0,22 Prozent. Die UNESCO stuft die Sprache seitdem als gefährdet ein.

(2)
Laufende Bemühungen um ein Interview zur dezentralen Kleinverlagsszene in Guatemala mit Pascuals Verleger Rudy Alfonzo Gómez Rivas, zugleich Festivaldirektor in Aguacatán, gestalten sich über die transatlantische Distanz bis tief ins guatemaltekische Hinterland derzeit schwierig.

(3)
Zum insbesondere für Europäer faszinierenden Thema Nahual erklärte Pascual im persönlichen Gespräch, daß es wesentlich komplexer sei, als was ich darüber gelesen hätte – und was ich gelesen hätte, sei teilweise nicht zutreffend. Auf Nachfrage schickte er diese bündige Erklärung, nicht von ihm selbst verfaßt, der er jedoch zuzustimmen scheint: „Nahual bedeutet Energie, Geist oder Kraft der Wesen und Elemente der Natur. Nahuale fungieren als Repräsentanten der Elemente selbst, wie Sonne, Mond, Regen, Luft, Pflanzen oder Tiere, denn im Mayadenken ist alles belebt. Darüberhinaus besitzt in der Maya-Weltsicht jeder Mensch ein Nahual, das ihn identifiziert und mit der Natur verbindet: es begünstigt die Harmonie und das existentielle Gleichgewicht des Menschen mit seiner Umgebung. Desweiteren fördert es den Respekt und eine sinnvolle Nutzung der natürlichen Ressourcen, um zukünftige Existenzen zu ermöglichen.“ Jedes der 20 Nahuale repräsentiert einen der 20 Kalendertage des Tzolkin-Kalenders, dabei bleiben sie alle untereinander verbunden, als Teil eines Ganzen, des Kosmos.

(4)
Das unsere handelt von einer uralten Liebe
mit der Geschichte gereift

Das unsere geht wie Herzschlag
Jahre und Zeitalter verstreichen
Das unsere sprießt stets von neuem

Das unsere ist wie der Blitz
unsere leuchtenden Hoffnungen
in dunkelster Nacht
Das unsere sprießt stets von neuem
und erblüht

Das unsere schlägt in jedem Herz
jedem Gedanken
jedem Seufzer

Das unsere ist ein uraltes
Morgengrauen

Jahre vergehen
Zeitalter vergehen
Das unsere bleibt

(Ich habe die spanische Rohübertragung von Pascual Tz’ikin dieser vermutlich ersten Übertragung eines Tujaal-Gedichts ins Deutsche zugrunde gelegt.)

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