Die endlose Stadt

ulla lenze_die endlose stadtAm Rande nicht allzu lang vergangener Debatten um den Sinn von Literaturförderung fiel u.a. der diffamierend gemeinte Begriff der Stipendiaten-Lyrik bzw -Prosa. An konkrete Beispiele (Buchtitel oder einzelne Texte) kann ich mich nicht erinnern, eine Definition blieb ausgespart. Was also wäre Stipendiatenliteratur? Solche, die von Stipendiaten (während eines Stipendiums) geschrieben wird? Solche, die über ihr Stipendiertsein reflektiert? Und schreibt ein Literat, der sich stipendieren läßt, schlechtere oder bessere Texte als er sie ohne Stipendium schreiben würde?

In ihrem Beitrag Rein in die rauen Winde in der Freitag vom 24. April 2015 über ein Symposium kapitalismuskritischer Autoren in Berlin frischt Katja Kullmann die Debatte auf, indem sie (wiederum unbelegt) behauptet, es fehle der hiesigen Stipendiatenliteratur an Wirklichkeitsbezug:

Es dürfte sinnvoll sein, der (halb)staatlichen Literaturförderung, der Stipendiumsökonomie den Rücken zu kehren. Sich den rauen Winden der „freien Marktwirtschaft“ auszusetzen, sich das Schreiben mit womöglich gänzlich ungeliebter Arbeit zu finanzieren, wie viele der größten Literaten des 20. Jahrhunderts es taten (von Kafka bis Fauser), würde Formfragen nach „Akzeleration und Intensität“ (Enno Stahl) vielleicht schnell beantworten. Literatur, die unter demselben Zeit- und Gelddruck entsteht, dem die meisten anderen Menschen unterliegen, läse sich womöglich heißer, schärfer, eindringlicher, gehetzter und angespannter, mithin viel gegenwärtiger als Werke, die aus der „Kulturproduktionsbürokratie“ (Jörg Fauser) gefüttert sind. Vor allem wäre diese Literatur eines: näher dran am Stoff.

Ein offenes Stück Stipendiatenliteratur hat diesen Februar Ulla Lenze mit Die endlose Stadt vorgelegt: einen Globalisierungsroman, der in Istanbul, Mumbai und Berlin (mit Abstechern nach Hannover) spielt, sich mit Umstrukturierung kapitalistischer Prägung, Kastenzugehörigkeiten, Macht- und Geschlechterrollen befaßt und auch die Bedingung seines Entstehens literarisch thematisiert. Mithilfe von Stipendien hat Ulla Lenze viele Monate in erstgenannten Städten verbracht, im Roman tut es ihr Protagonistin Holle Schulz, eine junge Fotografin, deren Name lautlich auf den seiner Schöpferin verweist, nach.

Das Buch beginnt mit Szenen, die zahlreichen Istanbul-Stipendiaten bestens bekannt vorkommen dürften: dem Abklappern der üblichen, touristisch frequentierten Eckpunkte, um ein Gefühl für Topografie und Rhythmen der Stadt zu gewinnen: Topkapı-Palast, Bosporusfähren, der Pierre Loti-Blick auf die Stadt vom Friedhofshügel im heiligen Eyüp. Das übliche Stehrummännchenspiel beim Botschaftsempfang für stipendierte Neuankömmlinge wird im Buch getoppt durch Holles Zugehörigkeit zur und spontane, jedoch unspektakuläre Flucht aus der Künstler-Entourage des deutschen Außenministers. Das Buch beginnt genau so wie ich mir „Stipendiatenliteratur“ aus dem Blickwinkel generalisierender Kritiker vorstelle: privatistisch, Klischees heranziehend, ein wenig lahm.

Ein Eindruck, der trügt und bereits nach wenigen Seiten verfliegen wird. Protagonistin Holle, die mit ihrem ständigen Beleidigtsein und unvorhersehbaren Wutausbrüchen zunächst vor allem als empfindliche und nervige Gestalt erscheint, erweist sich im Handlungsverlauf genau wie der Plot selbst als immer reflektierter und differenzierter. Die kleinen und größeren Kämpfe, die Holle ständig anzettelt, gegen sich und andere, ihr ganzes aufbrausendes Verhalten ergeben sich aus der mit ihrem Künstlertum einhergehenden Armut und vielleicht einer unerwähnt bleibenden Dunkelheit, die mit den klassischen Geschlechterrollen zusammenhängen könnte: Grundbedingungen, die sie zwar analysieren und in ihrer Kunst (bzw mithilfe energetischer Selbstbewußtseinsschübe) kurzzeitig überwinden kann, auf die sie jedoch keinen konkreten Zugriff besitzt, weswegen sie langfristig die Oberhand behalten.

Die endlose Stadt entfaltet sich als ein an Strängen reiches Geflecht klassischer Erzählzutaten: wir finden die junge gebildete Deutsche im Liebesringen mit ihrem ungebildeten, unglaublich attraktiven türkischen Liebhaber, verfolgen den inneren Konflikt der freien Künstlerin gegenüber ihrem mal verführerisch, dann wieder dröge wirkenden Sammler/Mäzen, der zugleich ein großes Bauunternehmen repräsentiert, das die Gentrifizierung in Istanbul und Mumbai vorantreibt, wir blicken in die bizarren Höllenwelten der Mumbaier Slums, die sich teilweise auf den Dächern schicker Neubauten ausbreiten, wir lernen Holles Untermieterin kennen, die als Mumbai-Berichterstatterin mit moralischen Dilematta hadert und aufgrund vertrackter Fügungen des Plots Holles Identität annimmt, während Holle nach und nach in den Reizgasschwaden, mit denen die Istanbuler Polizei auf die Gezi-Proteste reagiert, vor die Hunde geht.

Drumherum und zwischendurch besticht die gewitzte Geschichte mit aktuellstem Zeitkolorit. Die in ihr aufgeworfenen politischen Fragen verformen sich teils im Abgleich der eigenen Maßgaben mit denen fremder Kulturen, mit denen das Leben als Kurzzeit-Expat konfrontiert. Bevölkert wird sie von einem übersichtlichen Personal, dessen Handlungen kaum vorhersehbar sind und das zum Schluß dem wahnsinnigen Weltwachstum einfach untergespült wird.

Ulla Lenze: Die endlose Stadt. Roman, Frankfurter Verlangsanstalt, Frankfurt 2015, Hardcover, 320 Seiten, 19.90 Euro, ISBN 978-3-627-00210-7

Nachtrag, 05. Juli 2016
In der FAZ beschreibt Ulla Lenze in einem lesenswerten Artikel ihre ambivalenten Erfahrungen während der Lesetournee mit Die endlose Stadt, die sie in zahlreiche Metropolen Nordafrikas, sowie des Nahen und Fernen Ostens geführt hat.

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