Ostergeschichte

Es geschah an Karfreitag 1991. In Düsseldorf war ich gemeinsam mit meinem Kommilitonen KK auf eine Party eingeladen gewesen. KK, englisch ausgesprochen, stand für Karikari, ein klangvoller Name, dessen deutsches Äquivalent, falls ein solches überhaupt existiert, ich nie herausbekommen konnte. Wohl gibt es im Japanischen den lautmalerischen Begriff kari-kari für diverse Nage- und Knabbergeräusche (z.B. an krossem Toast), doch stammte KK aus Ashanti und hatte mit Japan nicht das Geringste am Hut.

Die Party fand in der Dachgeschoßwohnung einer alleinerziehenden Mutter statt. Das waren in Düsseldorf damals meist Ghanaerinnen, eine weithin übersehene gesellschaftliche Avantgarde. Als wir die Treppen erklommen hatten, saß neben der Wohnungstür auf einem Stuhl ein ca. 70-jähriger, würdevoller, kräftiger Mann, gewährte KK Einlaß und hielt mich mit rigider Geste zurück. Der Herr trug über seiner bedeutsamen Erscheinung ein Prachtgewand mit Kente-Mustern. Er stellte sich namentlich vor und erklärte:

„Als Ältestem dieser Zusammenkunft steht mir die Aufgabe zu, dich darüber zu unterrichten, was heute hier passiert. Wir feiern Karfreitag. Um Jesu Tod nachzuvollziehen, werden sich alle Männer solange betrinken, bis sie zu Boden fallen und nicht mehr aufstehen können. Alles verstanden?“
„Was machen die Frauen?“
„Sie reichen kleine Mahlzeiten und tanzen mit uns. Du darfst jetzt eintreten.“

In der Wohnung waren um die 30 Gäste versammelt. Muskulöse Männer, die mich freundlich mittels Fingerschnippen begrüßten. Vor meinem unsichtbaren Auge sah ich ihre Körper in einer blitzartigen apokalyptischen Vorstellung wie nach einem Massaker auf den Sitzmöbeln und Teppichen durcheinanderliegen. Wo würde ich zwischen ihnen Platz finden? Und würde das eine Rolle spielen, wenn ohnehin alles zuende ging? Im Hintergrund huschte die Gastgeberin mit ihrer Tochter und weiteren Damen herum. Schnell hatte ich ein Bier in der Hand. Flaschen schlugen aneinander, die Leute lachten und ich realisierte schlagartig, daß ich auf dieser Party mitten in Düsseldorf der einzige Weiße war.

Erstmals in meinem Leben spürte ich die Bedeutung meiner Haut rebellieren, was mir peinlich war, weshalb ich das Gefühl mit einigen kräftigen Schlucken zu betäuben suchte. Ich wußte damals nichts von Schwarzafrika, das ich erst ein dreiviertel Jahr später besuchen würde. Stattdessen fühlte ich mich plötzlich unsagbar weiß, im absoluten Hier und Jetzt. So weiß wie an diesem Karfreitag würde ich nur einmal sein im Leben. Aber was hatte mein plötzliches Weißsein zu bedeuten? Mit der Zeit wurden die Gespräche lauter, von Jesus handelten sie, soweit ich daran teilhatte, denn die vorherrschende Sprache war Twi, anscheinend nicht. Von Hautfarben aber auch nicht. Die Leute schufen sich mit der Feier einfach ein Stück Heimat in der Fremde, in das ich als Einheimischer hineingetappt war.

Als die Männer einen gewissen Alkoholpegel erreicht hatten, entschieden die Frauen, daß es an der Zeit sei, den Videorekorder zum Einsatz zu bringen: auf dem großen Fernseher im Wohnzimmer liefen zusammengeschnittene Pop-Clips von Janet Jackson, Lionel Ritchie, Bobby Brown, Dr. Alban und Whitney Houston, Musik, die mich, abgesehen von Janet Jacksons seltsam glückseligen Gesichtsausdruck beim Singen, in keiner Weise ansprach, vor der ich liebend gerne davongerannt wäre, doch die frisch aufgetretene Faszination am Schwarz-Weiß-Kontrast, an meinem Dasein als integrierter Fremdkörper, an diesem ganzen doppelten Fremdheitskomplex, der sich einzig in meinem Kopf abzuspielen schien, hielt mich auf der Party. Einige Frauen versuchten, mich zum Tanzen zu bewegen. Bemerkten sie nicht meine Abneigung gegen die Musik? Heilig leuchtete meine Haut vor sich hin. Vor dem Zugriff der Damen rettete ich mich zu Schnittchen und Bier: ein Detail dieser schwarzen Welt, das mir höchst heimatlich vorkam. Trank schließlich weiter, bis ich keine Farben mehr unterscheiden und die Musik gleichgültig, womöglich gar fußwippend hinnehmen konnte.

Doch im Verhältnis zwischen meinem Inneren und meiner Oberfläche war etwas gekippt. Nach diesem Karfreitag vor 24 Jahren begann ich, meine Weißtöne zu studieren. Immerhin: der Älteste am Einlaß hatte maßlos übertrieben, die Feier nahm letztlich einen völlig undramatischen Verlauf: nicht eine Leiche war zu beklagen, als KK und ich beschwingt durch die Nacht heimwärts radelten.

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