Diese Liebe oder diesen Hass, beide besaß ich nicht – Enjoy von Solange Bied-Charreton

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Insbesondere allen meinen Facebook-FreundInnen möchte ich dieses Buch empfehlen: Enjoy von Solange Bied-Charreton, in deutscher Übertragung von Annemarie Berger unter Mitarbeit von Neil Belakhdar erschienen im aktuellen Frühjahrsprogramm des Bremer Sujet Verlags. Auf dessen Website findet sich eine Kürzestzusammenfassung des Plots, der die Feldstudien, Überlegungen und literarischen Skizzen, die Solange Bied-Charreton zu heutigen Daseinsweisen in der westlichen Welt anstellt, zu einem Patchwork-Erzählstück vernäht: „Der junge Charles Valérien lebt ganz im sozialen Netzwerk ShowYou und postet dort eine Inszenierung seines Lebens – bis er Anne-Laure kennenlernt, die kein Interesse an der digitalen Welt hat. Charles muss sich entscheiden…“

Bereits nach wenigen Seiten Lektüre drängte sich der Gedanke auf, daß Enjoy auf mich, aber auch eine ganze Reihe Freunde und Bekannte persönlich abzielt: wieviel Zeit verbringen wir mit welcher Befriedigung in sozialen Netzwerken, welche Bedeutung messen wir elektronischen „Freundschaften“ bei, als wie stark empfinden wir die partiell ungewisse/verdrängte Kontrolle, wenn wir uns am elektronischen 24-Stunden-Tresen äußern, wo Hunderte oder Tausende mitlesen und jegliche Äußerungen sofort dokumentiert und langfristig verfügbar gemacht werden? Leben wir eigentlich inzwischen stärker als in der altbekannten Realität im Netz, was also ist Realität und hat sie noch ernsthafte Gegner, wer profitiert in welcher Weise von unseren täglichen Posts, wen interessiert das und was war noch gleich der Sinn des Lebens?

„ShowYou war das wichtigste soziale Netzwerk weltweit. Voriges Jahr war es ganz groß rausgekommen. Man konnte ohne Übertreibung sagen, dass jeder drin war, außer den paar Leuten, die absolut keine Ahnung hatten, obwohl gerade die in Wirklichkeit die Mehrheit der Bewohner des Planeten darstellten. Ich war drin, oder ich wäre sozial tot gewesen.“

ShowYou stellt eine weitergedachte, als totalitär karikierte Facebook-Variante vor: wöchentliche Video-Posts sind für alle Teilnehmer verpflichtend – wer sich aus welchen Gründen immer nicht daran hält, fliegt gnadenlos aus der „Gemeinschaft“. Einzelne Szenen des Buchs zeigen die „soziale Interaktion“ vor dem Bildschirm als Misch-Inszenierung aus Zwanghaftigkeit und Einsamkeit, als Belanglosigkeitsersatz und Bedrohungskulisse, kurzum als postmoderne, nach herkömmlichen Maßstäben als leichthin lächerlich anzuschauende Form der Bindung, die von der „ahnungslosen Mehrheit“ solange nicht für voll genommen werden dürfte, bis die erste monumentale Skulptur eines/einer „auf den Bildschirm Stierenden“ in Bronze, Marmor oder auch abstrakt in Stahl in affirmativer Absicht auf dem zentralen Platz einer bedeutenden europäischen Stadt errichtet sein wird.

„Obwohl es eigentlich nur darum ging, meine Fotos und Videos zu posten, die der anderen anzuschauen und zu kommentieren, verfügte ShowYou in exponentieller Weise über meine Zeit. Kaum zu Hause angekommen, schaltete ich schon den Computer an, ich aß vor dem Bildschirm, ich blieb davor sitzen, bis mir die Augen zufielen. So verbrachte ich am Wochenende manchmal ganze Nachmittage.“

„Der Hof wurde zu einer Seite auf ShowYou. Die Fenster zu Fotos eines Online-Albums. Die Balkone von gegenüber zu einer Box für die Likes. In die Blumenkästen trug man mittels einer Brieftaube seine Beschwerden oder Ermutigungen ein.“

Während der weibische Charles, ein junger Angestellter mit guten Karrierechancen, eine Figur, die in ihrem eigenen Roman über weite Strecken wie ein blasser Nebendarsteller wirkt, seine virtuellen Erlebnisse von Beginn an für die realeren hält, trifft er gegen Mitte des Buches auf eine Punkmusikerin, in die er sich sogleich verliebt und die sein Interesse in ihren Probekeller in den Pariser Katakomben verschiebt. Im Untergrund erlebt Charles die klassische Realität als eigenständigen und angenehmen Geschmack; an anderer Stelle tritt dieser Geschmack ausgerechnet in der Psychiatrie auf den Plan, wo Charles zum ersten Mal in seinem Leben ein vernünftiges Gespräch mit seinem Vater führt, nachdem der alte Herr ohne Ankündigung das Funktionieren im Alltag verweigert hatte und deshalb eingewiesen worden war. Kaum passiert etwas in seinem Leben, erscheinen Charles die Absichten der zuvor als gegeben empfundenen virtuellen Angebote unklar, mutiert ShowYou in seiner Wahrnehmung zu einem Gebäude ohne Architekten, einem riesigen Scrabble-Spiel mit lauter schwachsinnigen Wortfolgen und Debatten:

„Im Netz konnte man links und rechts sein, Mann und Frau, Vanille und Schokolade, Hetero und Homo, dafür und dagegen. Mutige und avantgardistische Meinungen, die man unter Pseudonym sagte, bedurften keiner Rechtfertigung; es reichte, zu wollen, um zu können; das Virtuelle machte aus einem Mauerblümchen einen Supermann, ein Tier menschlich, Nichtssagendes göttlich.“

Zwischenzeitlich blendet die Geschichte auf das Schicksal von Rémy Gauthrin, Charles Nachbar, angesagter Romanautor und Projektionsfläche für diverse Möglichkeiten des Unangepaßtseins um. Charles, über weite Strecken zaghafter Beobachter, beginnt nun doch noch, aus einem Impuls heraus, zu handeln: er filmt die Punkmusikerin, die ihn selber körperlich abweist, heimlich beim diskursiven Vögeln mit ihrem Freund, stellt das Video auf ShowYou ein, beobachtet wie es viral geht, löscht dann seinen Account und bricht seine wenigen Beziehungen hinter sich ab, um fortan im Alleingang die Durchgangsstraßen der Pariser Arrondissements entlang zu stapfen.

Enjoy steht mit seinem streckenweise nonlinearen Schnitt aus Handlungspassagen, Dialogen, Fremdmonologen oder aneinandergereihten Statusmeldungen wie aus Timelines sozialer Netzwerke für eine Erzähltechnik wie ich sie auch in Rhein-Meditation verwendet habe: fließende Zusammenhänge werden aus verschiedenen Blickwinkeln, mit wechselnden Stilmitteln dargestellt und verhandelt, der klassische Erzählbogen geht über in sein eigenes Kondensat, insgesamt verdichtet sich die Atmosfäre gegenüber Anlässen und Szenen, zugleich wird der Fokus auf besonders aussagekräftige Szenen gestärkt. Auf eloquente Indifferenz gebürstet streift Enjoy einige Bruchstellen des kapitalistisch geprägten Medienzeitalters, Bied-Charreton beleuchtet uns, indem sie unsere Sprechweisen kopiert, das Licht fällt in ein Dunkel, dessen Grund im Unbekannten zu liegen scheint.

Enjoy ist nach Eingeborne zuerst! von Fatou Diome und Gare du Nord von Abdelkader Djemaï das dritte Buch, das ich über die kleine feine Auswahl französischsprachiger Gegenwartsliteratur bei Sujet kennengelernt habe. Bei völlig unterschiedlichen Ansätzen ist allen drei Bänden das Motiv des Lebens in fremder bis befremdlicher Umgebung gemein.

Solange Bied-Charreton: Enjoy, Sujet Verlag, Bremen, Taschenbuch, 250 Seiten, 10.50 Euro, ISBN: 978-3-944201-10-8

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