In memoriam Dinesh Allirajah

din_a manner of speakingGestern erreichte mich Kunde, daß Dinesh Allirajah vergangenen Dienstag an Komplikationen nach einer Operation gestorben ist. Die Nachricht kam aus heiterem Himmel. Seit vielen Jahren waren wir befreundet.

1998 hatten wir uns beim Eight Days A Week-Festival kennengelernt, das Liverpooler Künstler nach Köln brachte, und absolvierten gemeinsam einen Auftritt im MTC, einem Kellerclub, der in den 90ern zu den Pionierorten für Spoken Word in Deutschland zählte. Din erstaunte und begeisterte das Kölner Publikum damals mit seiner lässig-intensiven, zugleich mit enormer Präsenz vorgebrachten Jazz Poetry. Ich schaute mir genau an, was der Mann aus Liverpool auf der Bühne machte. Seine Lockerheit und Natürlichkeit fielen deutlich aus dem Rahmen dessen, was damals auf deutschen Spoken Word-Bühnen zu sehen war.

Nach dem Auftritt blieben wir in Kontakt, tauschten uns aus über Literatur, Musik, unsere lokalen und nationalen Bräuche (die umso interessanter erschienen, je randständiger sie im Allgemeinen beachtet wurden), diverse Weltgegenden und vor allem über Fußball. Als in London aufgewachsener Tottenham-Anhänger lebte Din, was den Fußball betraf, in Liverpool in der falschen Stadt, ein Grundgefühl, daß mir als KSC-Anhänger in Köln allzu bekannt ist. Din schrieb mir über die Hintergründe der witzigsten Fangesänge der Premiership und stellte Fragen zu neu auf der Bildfläche erscheinenden deutschen Spielern wie Frings oder Schweinsteiger, die nicht nur aufgrund ihrer Namen auf der Insel für Irritationen sorgten. Während Dins zweitem Kölnbesuch gingen wir zusammen ins Müngersdorfer Stadion, um Zeugen eines unsäglichen Zweitliga-Nullzunulls zwischen dem 1. FC Köln und RW Oberhausen zu werden. Din war gegen Ende der zweiten Halbzeit eingenickt, und meinte, als ich ihn wachrüttelte, bedacht, niemanden zu beleidigen, daß die vorgebrachten, im Wortsinne einschläfernden Mannschaftsleistungen in England das Publikum zur Weißglut und die Spieler zu tiefster Scham veranlaßt hätten.

Wenn ihm die Geschehnisse und Tabellenstände im Fußball zu trist und aussichtslos vorkamen, wich er bisweilen auf Cricket aus, eine für Deutsche gänzlich unverständliche Sportart, die Din mit seinen sri-lankischen Wurzeln aufgesogen haben mußte. Er könne mir die Regeln durchaus erklären, schrieb er, doch ergäbe das gewiß keinen Sinn, denn mir würde das Spiel mit oder ohne Regelkenntnisse auf ewig langweilig erscheinen, was es, das müsse er zugeben, auch sei. Ich habe Din nie gesagt, daß ich, eingedenk seiner Worte über diesen Sport, 2007 in Sihanoukville/Kambodscha lange Nachmittage als zumeist einziger Gast in einem indischen Restaurant verbrachte, um im Fernsehen der Nationalmannschaft Sri Lankas beim Cricket World Cup zuzusehen. Der Restaurantbetreiber brachte mir die Spielregeln während der Matches zögerlich nahe. Daß es sich um ein Experiment in internationaler Verständigung handle, erschien ihm eine reichlich schräge Begründung für mein Interesse.

„When an old cricketer leaves the crease, you never know whether he’s gone“ (Roy Harper)

Köln gefiel Dinesh so gut, daß er sogar einen Familienurlaub hier verbrachte. Wir gingen am Rhein spazieren, besuchten Kinderspielplätze mit seinem erstgeborenen Sohn Bruno und zerredeten wie stets das Weltgeschehen. Er drückte mir seinen Kurzgeschichten-Band A Manner of Speaking in die Hand, und schrieb hinein, daß es ungefähr zehn Kölschlängen brauche, um durch die Texte zu kommen. Tatsächlich bevorzugten wir beide Weißbier. Zwei Texte aus dem Buch, die in Köln spielen, übersetzte ich später ins Deutsche. Zehn Jahre ist sein letzter Besuch her. Unsere Korrespondenz versandete ein wenig, zuletzt geschrieben hatten wir uns vor Jahresfrist, in seiner Antwort auf eine meiner Fußballfragen kam Din schlußendlich wieder auf Cricket, um dann aus Respekt zu schweigen, weil ich von Cricket keine Ahnung habe.

Unsere Gespräche waren stets reich an Windungen und Scherzen. Wenn ich an unsere Begegnungen denke, an Dineshs Briefe und Schriften, kommen mir seine Warmherzigkeit in den Sinn, sein feiner Humor, seine besondere, natürlich-eloquente Ausdrucksweise und seine Bescheidenheit. Eine Spur Melancholie. Sehr viele haben ihn so wahrgenommen: als wirklich feinen Kerl! Ich bin dankbar, daß unsere Wege sich gekreuzt haben. Dinesh Allirajah wurde 47 Jahre alt. Seine Beisetzung findet am 22. Dezember in Liverpool statt.

Nachtrag, 03. Mai 2016
Bei Comma Press sind nun unter dem Titel Scent: The Collected Works posthum Dineshs gesammelte Schriften erschienen. Am Freitag, 06. Mai, wird das Buch in Liverpool ab 19 Uhr in der Bluecoat Gallery vorgestellt.

Nachtrag, 28. März 2017
Der Guardian vom 21. Dezember 2016 empfiehlt in seiner Bücher-Jahresrückschau: „Scent: The Collected Works is a compendium of Dinesh Allirajah’s delicately understated short stories, his extraordinary, intellectually acrobatic blogposts, and his jazz-inspired poetry. As a writer who spent more time supporting others in the region than promoting himself, Din deserved to be better known in his tragically short lifetime than he was ; this book is our chance to redress that.“

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