Neulich, in der Kölner Literaturszene (7)

Enno Stahl stand als Autor und Mitbetreiber des KRASH-Verlags von Ende der 80er bis tief ins neue Jahrtausend hinein in Köln für frische, widerständige, experimentelle Literatur mit Punk- und Avantgarde-Anleihen. Seit einigen Jahren lebt Stahl in Neuss und arbeitet als Literaturwissenschaftler und Kurator für das Düsseldorfer Heine-Institut. Anfang September kehrte er nach Köln zurück, um im King Georg (Sudermanstr. 2, Neustadt-Nord) seinen aktuellen Essayband Diskurspogo vorzustellen, der mit einer Textzusammenstellung aus den vergangenen zwei Dekaden in die seit Jahresbeginn schwelende Literaturdebatte einschlug. Immer wieder postulierte Stahl in der Vergangenheit einen „sozialen Realismus“ als notwendigen Gegentrend zu „Popliteratur“ und „Betriebsromanen“, denen er Oberflächlicheit, Kitsch und literarische Affirmation der gesellschaftlichen Umverteilung vorwirft.

Die angenehm schummrige Club-Beleuchtung des King Georg, die lederbezogenen Sitzecken und vorbeugenden Pogobarrieren in Form von Bierbänken auf der Tanzfläche vor dem Lesetisch sorgten für eine entspannte Grundatmosfäre. Stahl, ein erprobter Performer, unternahm einen ausführlichen Erläuterungsanlauf, bevor er aus seinem Band zu lesen begann. Bereits nach zwei Texten schaltete sich erstmals das Publikum ein und es entspannen sich lebhafte Auseinandersetzungen. Ob die Anwürfe an den Kollegen Ernst-Wilhelm Händler, dessen vom Feuilleton gelobte, im Konzernmilieu angesiedelte Romane Stahl anhand zahlreicher Beispiele sezierte, nicht besser dem Feuilleton, dem Betrieb selbst gelten sollten, wollte eine eloquent auftretende Dame aus dem Publikum wissen. Zügig schalteten sich weitere Gäste in die Diskussion, deren interessanteste Ansätze vor allem deshalb versandeten, weil bedauerlicherweise kein möglicher Kontrahent aus Betrieb und Feuilleton den Weg ins King Georg auf sich genommen hatte.

Angesichts fehlender Gegner bemühte sich Stahl, die polemischen Spitzen seiner Essays selbst zu entschärfen. Es genüge ihm durchaus, wenn sein essayistisches Angebot, aktuelle Romane auf ihre Gesellschaftsprämissen zu durchleuchten, wahr- und am besten auch angenommen würde. Warum und wie schreibt AutorIn X aus welcher Gesellschaftsschicht über gesellschaftliche Zusammenhänge? Was bleibt dabei ausgespart? Dem deutschen Gegenwartsroman fehlten realistische Beschreibungen und Dialoge, führte Stahl aus, woran sich die zentrale Frage entzündete, was unter Realismus heute zu verstehen sei. Stahl griff weit zurück, nannte unter anderem Dantes Inferno und die Werke Shakespeares als Beispiele realistischer Literatur; einen Einwurf aus dem Publikum, ob Fantastik nicht letztlich das geeignetere Mittel sei, die Realität literarisch einzufangen, beantwortete Stahl mit einem Jein und der vagen Idee eines „erweiterten Realismus“, der Fantastikelemente enthalten könnte und die ihm gerade erst vor dem Auftritt durch den Kopf gegangen sei. Tatsächlich scheint „Realität“ im Jahr 2014 schwieriger zu definieren und abzubilden als je zuvor; daß literarische Fasen des Realismus stets von eskapistischen Schreibweisen abgelöst wurden blieb in der Diskussion ebenso außen vor wie die gesellschaftliche Ausgestaltung historischer „Realismus“-Epochen und deren Folgen im wirklichen Leben.

Weitgehend offen endete auch die Diskussion der zweiten zentralen Frage, wie eine relevante zeitgemäße Literatur auszusehen habe, welcher Werkzeuge sie sich zu bedienen hätte und ob sie etwaigen Vorschriften folgen solle. Wie sie besser nicht auszusehen habe, hatte Stahl zuvor anhand von Beispielen erläutert, die im Publikum auf Zustimmung stießen; eine mögliche Theorie des neuen Schreibens, für die erstaunlich viel Publikumsinteresse bestand, blieb allerdings in Ansätzen stecken. Übergangsweise wartete Stahl mit einer Anekdote aus der Zeit der frühen Achtziger auf, die seine in Diskurspogo thematisierte Punk-Sozialisation flankierte: der stadtbekannte Duisburger Punk Willi Wucher habe einst mit Bandkollegen in monatelanger Arbeit einen Proberaum hochgezogen. Am Tag der Einweihung betranken sich die Kollegen und machten den Proberaum dem Erdboden gleich. „Das ist Punk“, hätte Willi Wucher die Aktion kommentiert und das sei eben auch für Stahl Punk: sinnlose Destruktion, die niemandem wehtue, außer einem selbst. Von der kommenden Romanmode dürfen wir uns also überraschen lassen.

Mit einer weiteren Anekdote aus Punktagen, „persönlich verbürgt von zweien der Beteiligten“, leitete Stahl die Schlußrunde ein. Die Herren Norbert Bolz, Jochen Hörisch, Friedrich Kittler und Hubert Winkels hätten dereinst in der Düsseldorfer Altstadt gemeinsam den Ratinger Hof als berüchtigten Brutkasten kreativen Outputs besucht, in der Kneipe wurde gerade fleißig gepogt. Die Herren hätten zunächst distanziert, am Rande stehend, gelegentlich auf die Protagonisten deutend, einige elaborierte Bemerkungen ausgetauscht wie unter Geisteswissenschaftlern üblich. Doch irgendwann habe die Energie des Geschehens und der Musik sie mitten in die Pogo tanzende Meute gesogen. Vergleichbar wild wurde es beim Diskurspogo im King Georg nicht. Einem jungen Mann im Publikum, der gegen Ende fragte, wo denn die angekündigten scharfen Attacken geblieben wären, beschied Stahl, daß die Literaturwelt das zu Gehör gebrachte durchaus als Angriffe mit schwerem Geschütz werte. Sollte die „Clubwelt“, in die sich im Prince Georg nur wenige Autoren verliefen, womöglich „realistischer“ als die „Literaturwelt“ urteilen?

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