Am Fähranleger von Karaköy

Er trägt einen Anzug, dunkel, ohne Farbe. So gut wie nie ist in Istanbul ein Mann zu sehen, der Farbe trägt. Seine Frisur ist gescheitelt, die schwarzen Haare stehen vom Kopf, als seien sie aus Hartschaum. Das Gesicht wirkt geschmirgelt, blass schimmernde Narben. Ein oder zwei frische Wunden. Ein ausgemergelter Typ. Sitzt da, raucht, steht auf, setzt sich wieder, trinkt Tee. Mit der 10 Uhr-Fähre erscheint sein Feind, der ihn mit einem halben Elchgeweih bedroht. Wortwechsel fallen. Wogen klatschen gegen die Kaimauer. Der halbe Elch verschwindet im Gewimmel. Mitten im Gewimmel stehe ich. Lausche dem Hungerknurren der Hunde, sehe mit geschlossenen Augen wie ein Tropfen Soße aus einem Sandwich fällt, beobachte wie Himmelsteile in den Bosporus stürzen, wo sie in ihrem Gegenteil aufgehen, blau in blau. Ausdrücke kaum verwendbaren Glücks huschen über die Zeitschriftencover am Kiosk. Knarzend starten die Gebetsrufe von den Minaretten. Der Kalamar in der Behelfsküche am Fischmarkt, inspiriert vom Lobpreis Gottes, umgreift den Teller, auf dem er serviert liegt, holt mit einigen seiner Arme aus und läßt seine Unterlage als Diskus übers Goldene Horn flitschen. Der Mann im farblosen Anzug, seine bröckelnden Kumpane in den versteckten Ecken der Imbißbude schauen fasziniert dem Teller nach und entblößen ihre Gebisse für ein schwermütiges Lächeln.

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