İstiklal-Rhythmus

istiklal caddesi
Die großen Einkaufsstraßen einen uns, in den Schaufensterscheiben überlagern sich unsere Rhythmen. Ein Junge im Grundschulalter fungiert als lebender Mikrofonständer für seinen Großvater. Der sitzt auf einem Hocker auf der Straße, berührt das Mikrofon beim Singen mit den Lippen, als pickte er an einem Meisenknödel. Der Junge bleibt reglos, stumm, er hat sich seiner Funktion nahezu vollständig assimiliert. An sein Gesicht kann ich mich, obgleich ich es bald täglich sehe, nachher nie erinnern. Zwei ewigmüde Eckensteher bieten das Zwitschern elektronischer Vögel zum Verkauf, ein vollbärtiger Mann zielt mit seiner Pistole auf mich, aus deren Mündung Seifenblasen quellen. Zwischen den Schritten der Passanten hat ein Mädchen ein Schlagwerk aus Pappen aufgebaut, improvisiert darauf Handtrommelwirbel, die Passanten umringen das Mädchen, ihre Fertigkeiten zu bestaunen. In die Zuschauerreihen drängelt ohne Umstände eine alte Frau mit Kopftuch, die einen meterlangen Vorschlaghammer über der Schulter spazierenführt. Huh, das ist ja Frau Aytekin, meine Nachbarin! Ich zwinkere ihr zu, doch sie beachtet mich nicht, beachtet niemanden, steht ganz unter dem Bann der Beats, die das Mädchen auf ihre Kartonpappen klopft. Der Vorschlaghammer auf Frau Aytekins Schulter hüpft wie ein pulsdurchzuckter zusätzlicher Körperteil, dessen nackter Kopf die tiefstehende Sonne auf die umliegenden Glasfassaden wirft.

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