Schaf

Eben habe ich ein Schaf in der Gasse blöken gehört. Ein gurgelndes Blöken auf Ö. Ein Schaf mitten in Tarlabaşı – oder der unsichtbare Mann, der jeden Abend zur Dämmerung monströse Laute von sich gibt, verlegt sich neuerdings zur Mittagssonne auf Tierstimmen. In der Gasse ist weit und breit kein Schaf zu sehen. Das Blöken klingt, als stamme es aus einem Kofferraum, gedämpft, dann wieder markerschütternd nah, als riefe das Schaf, direkt unter meinem Fenster, durch ein Megafon seine unverbrüchliche Wildheit und Freiheit aus. Ich werde hinuntergehen müssen und nachschauen, was es mit diesem Schaf auf sich hat.

Mittlerweile habe ich dem Blöken eine geschlagene Viertelstunde gelauscht. Es erklingt in nicht ganz sauberen Intervallen etwa alle zehn Sekunden. Es zermürbt. Ich bin mir fast sicher, daß sich das Schaf (oder der unsichtbare Mann) in Frau Aytekins Wohnung gegenüber befindet, weil das Blöken lauter oder leiser klingt, wenn Frau Aytekin ihre Fenster, an denen sie sich ständig zu schaffen macht, lehnt, kippt, zuschlägt und wieder aufreißt. Schade, daß mein Türkisch nicht ausreicht um zu verstehen, ob die Männer an der Ecke neulich wirklich gesagt hatten, daß Frau Aytekin („Ja, die mit dem immerbeigen Kopftuch!“) mit einem Hammel verheiratet sei.

Ich bin nicht hinuntergegangen. Das Blöken des Schafes wurde nach einer halben Stunde immer jämmerlicher. Frau Aytekin gab in ihrer Wohnung ein paar seltsame Laute von sich, die ich nicht mit der türkischen Sprache zusammenbringen konnte. Schließlich verstummte das Schaf, kurz nach Frau Aytekin. In der Gasse herrschte erstmals seit ich dort eingezogen bin völlige Ruhe. Selbst der Mann, der jeden Nachmittag in Zuckersirup getränktes Spritzgebäck ausruft, das er aus seinem Handkarren verkauft, tauchte heute nicht auf. Erst zur Dämmerung war wieder das monströse Jaulen und Heulen aus den Tiefen der Gasse zu hören, das, wie die Männer an der Ecke, falls ich sie richtig verstand, erzählten, vom frommsten Mann des ganzen Viertels herrühren soll, ein Mann, der nach vielen Jahren gottgefälligen Lebens das Sprechen verlernt habe und von Ungläubigen nicht mehr gesehen werden kann.

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Ein Kommentar zu “Schaf

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