Neulich, in der Kölner Literaturszene (6)

Vor dem Solution Space am Brüsseler Platz fand am Pfingstsamstag im Rahmen von le bloc, den Mode- und Designtagen des Belgischen Viertels, bei diesjähriger Rekordhitze die Präsentation der neuen Ausgabe des Kölner Lifestyle-Magazins null22eins statt – mit Lyrik-Lesungen! Die DichterInnen lasen mikrofonverstärkt unter einem mobilen Baldachin, das Publikum rückte an die dünn beschatteten Böschungsränder von St. Michael, der kampferprobten Sonne wegen zum einen, zum anderen um das Pflaster zwischen Bühne und Auditorium für Passanten freizuhalten. Özlem Özgül Dündar aus Solingen begann. Ihr Vortrag: zurückhaltend, klar, monoton. Die Texte handelten vornehmlich von Berührungen. Die Nachmittagshitze belferte matt. Als Özlem Dündar das „fahrende wasser zw den zellen“ zu Gehör brachte: „da spielt sich mein geist ab“, entrann in erstaunlicher Kongruenz zum Wortgeschehen ein erster Schweißfaden mir der rechten, kurz darauf ein weiterer der linken Schläfe. Und weiter: aus Özlems Gedichten tönte es just von Haut und Küssen, als drei greise Damen in gepunkteten Sommerkleidern sich in Slowmotion beeindruckend kontinuierlich gemeinsam die Bühne entlang zwischen Autorin und Publikum hindurcharbeiteten, ohne die öffentlichen Geschehnisse eines Blickes zu würdigen. Dafür schaute ich mich um: in unmittelbarer Nähe transpirierten zahlreiche DichterInnen aus Köln und dem rheinischen Umland. Einer davon: Christoph Danne, der kurz darauf die Bühne betrat. das halten der asche heißt sein aktueller Gedichtband, den ich an dieser Stelle empfehlen möchte, kürzlich erschienen in der parasitenpresse: knappe Skizzen des Vertrauten, die wie von Geisterhand ins Offene oder das in den Hanglagen unserer Erinnerungen hausende Verwunschene driften, moderner Alltag hinter rissigem Klarlack. Als Christoph Danne endete, war eine knappe halbe Stunde Literatur vergangen und die allgemeine Aufnahmefähigkeit hitzegesättigt. Gemeinsam mit den Kollegen Kasnitz, Wenzel und Wustmann suchte ich ergo und erfolgreich die brav unter ihren Parkbäumen sich dahinfläzenden Schatten des Biergartens am Rathenauplatz, und unsere unter direktem Sonneneinfluß noch eher vereinzelten Tierlauten ähnelnden Gespräche gewannen allmählich an Eloquenz, umso mehr, als sie sich von der lokalen (traditionell als lähmend erachteten) der internationalen Situation der Lyrik zuwandten.

Daß der Profet in seiner Heimat nichts gilt, steht bei Markus 6, 1-6 nachzulesen. Daß es dem deutschen Dichterlein zu Lebzeiten oft ähnlich ergeht, darüber hält sich die Bibel aus historischen Gründen bedeckt. Les Murray erzählte dem Bayerischen Rundfunk in einem Interview in deutscher Sprache, daß er in Australien kaum wahrgenommen würde, in Europa hingegen durchaus. Auf die Frage, welchen anderen Dichter er gut fände, benennt Murray im selben Interview zu meiner großen Freude als ersten Heinrich Heine, der sich als Dichter u.a. auch profetisch betätigt hatte. Noch vor Pfingsten war Murray zu einem Auftritt, der nicht weiter öffentlich angekündigt wurde (worüber ich bis heute unglücklich bin), in der Buchhandlung Bittner in Köln gewesen. Das Publikum soll vornehmlich aus „älteren Herren“ bestanden haben, zur Lesung selber war kaum mehr zu erfahren als daß sie recht vernuschelt gewesen sei und das australische Englisch Murrays schwer zu verfolgen, was wiederum an profetische Vorgehensweisen gemahnt.

Lebhaft wurde unser Schattengespräch bei der Status quo-Aufnahme institutioneller Literaturförderungssysteme in diversen Nachbarländern, mit speziellem Fokus auf Frankreich und die Benelux-Staaten. So beinhalten hierzulande übliche Stipendien zumeist Bedingungen und Dotationen, die den geförderten AutorInnen vornehmlich studentische Bedürfnisse zuzugestehen scheinen. Wenige lobenswerte Ausnahmen bestätigen die traurige Regel. Eine Revolution zu starten, diese Verhältnisse zu bessern, saßen wir jedoch am falschen Ort, in Köln nämlich, mit seinem rheinisch-fatalen Luftgemisch aus Importgedanken wie dem mediterranen Mañana-Kult und orientalischem Kismet, vor allem aber heimischer Generalabsolution. Immerhin, schon bald werden wir wieder beisammen sitzen, in der badisch-revolutionären Kühle des Schwarzwalds dann, beim Hausacher LeseLenz, zu dem sich Mitte Juli erhebliche Teile (nicht nur) der rheinischen Lyrikszene an der Kinzig einfinden werden.

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