Neulich, in der Kölner Literaturszene (5)

Poetic Voices Africa – „I sing a new freedom“ war das Lyrikfestival betitelt, das Ende vergangener Woche in Köln stattfand und poetische Stimmen aus einigen Ländern des südlichen, westlichen und zentralen Afrikas solchen aus dem deutschsprachigen Raum gegenüberstellte. Die Eröffnungsveranstaltung im Rautenstrauch-Joest-Museum war nahezu ausverkauft, somit erfreulich gut besucht, auch von weiten Teilen der lokalen Dichterschaft, die dem letzten institutionellen Lyrikfestival in Köln vor rund sechs Jahren beinahe geschlossen fern geblieben war. In ihren Eingangsreden betonten Kulturamtsleiterin Barbara Förster und die Programmleiterin des Literaturhauses, Bettina Fischer, wie wichtig es ihnen sei, die in Köln von offizieller Seite zuletzt eher stiefkindlich behandelte Lyrik zu stärken: richtungsweisende Worte in positivem Sinn, an denen sich die hiesigen Literaturinstitutionen künftig messen lassen dürfen.

Bei vergangenen Gemeinschaftsauftritten mit schwarzafrikanischen DichterInnen hatte ich deren Lyrik als ausgeprägt performativ zugeschnitten, an politischen Fronten orientiert und aufklärerisch motiviert kennengelernt. Diesen bereits vor zehn Jahren gewonnenen Eindruck bestätigten sowohl das (einem Gedicht Ben Okris entlehnte) Festivalmotto, als auch der Eröffnungsabend. Mbali Kgosidintsi sang und sprach kraftvoll ihre erzählerischen Verse, die weibliche Empfindungen der postburischen Gesellschaft Südafrikas thematisierten. Chirikure Chirikures Vortrag bot eine intensive Mischung aus Beschwörung und Didaktik, seine Texte verschränken menschliches Handeln mit Naturgewalten, sprachen von Elend, Bedeutung und Repetition. Charl-Pierre Naudés Gedichte spannten Gedankenstränge weit über den ihnen zentralen afrikanischen Kontinent hinaus; die deutsche Übersetzung enthielt einen zum Austragungsort passenden Lapsus, indem sie Elvis Presleys legendären straßbesetzten Bühnenanzug zu einem Gewand aus Rheinkieseln umdeutete. Ben Okri, 1991 für seinen Roman The Famished Road zum Gewinner des international renommierten Booker Prize gekürt, versuchte sich in einer Publikumsansprache auf Deutsch, die Fragezeichen aufwarf. Bill Clinton soll, einer historischen Express-Schlagzeile zufolge, bei seinem Besuch als US-Präsident in der Brauerei Zur Malzmühle geäußert haben: „Ich bin ein Kölsch!“ Ben Okri begrüßte das Publikum nun mit einer nach Kauderwelsch klingenden Wendung, die als: „Ich fühle mich in Köln zuhause“ interpretiert werden konnte, damit stille Willkommenswünsche und erste Lacher auslöste, nicht zuletzt, weil er die Unverständlichkeit seiner Äußerung ad hoc einer lokalen Gewährsfrau zuschob. Sichtlich angetan schien Okri von den musikalischen Interventionen Günter Baby Sommers, dessen bisweilen überfallartige perkussive und stimmliche Improvisationen imposante Begleitungen zu den Wortbeiträgen vorstellten. Sommers Einsätze riefen mir Erinnerungen an den vor anderthalb Jahren verstorbenen Frank Köllges wach, der seinerzeit mit chaotischen Schlagwerk-Mundraum-Improvisationen über die Schnittstellen von Jazz und Literatur variierte. Ein wenig verloren zwischen den afrikanischen Performances erschien als einzige deutsche Lyrikerin Ulrike Almut Sandig, die ihr „elektronisches Gedicht“ (eine Antwort auf Edgard Varèses historische Tonband-Komposition) mit verstechnisch gesetzten Kunstpausen Sommers einfühlender Handtrommelei konfrontierte. Mehrheitlich bot der Abend ordentliche bis hervorragende, kurzweilige, kraftgeladene und das Publikum begeisternde Performances.
Momente aktiver Verstörung, die Lyrik auch leisten soll, aber nicht muß, entsprangen im Abendverlauf eher den Zuschauerreihen. So forderte eine Dame kurz nach Beginn mit streng indigniertem Blick und wortlos einen Platz in der Reihe vor mir, um demonstrativ statt auf einem der freien Stühle auf der Handtasche ihrer Sitznachbarin Platz zu nehmen. Als ihr Mobiltelefon zu klingeln begann, verließ sie die Veranstaltung wieder. Eine andere Dame glänzte beim spontanen Zwischenapplaus mit euforischen Jubeltrillern und Jauchzern wie ich sie im Rahmen einer Lyrikveranstaltung zuvor noch nie gehört hatte und fortab gerne häufiger hören möchte.

Am Montag nach dem Festival las Daniela Danz, kurzfristig anberaumt und öffentlich kaum beworben, in der Lesereihe der Agneskirche vor einem Dutzend Interessierter aus Pontus und V, zwei Gedichtbänden, in denen sie die über die Jahre sowohl real als auch im Kopf sich verschiebenden Grenzen ihrer Heimat (Ostdeutschland, Deutschland, Europa) auslotet. Die zu Gehör gebrachten Gedichte aus V (für Vaterland) beschrieben Provinz, an Ortsnamen erkennbar die sachsen-anhaltinische, aber auch namenlose waldhaltige, in mal kürzeren, mal längeren, stets kompakten und über ihre Geschlossenheit hinaus weisenden Texten (besonders schön: Fuchs und Vaterland III) – Danz‘ angenehmer, ruhig dahinperlender Vortrag war den Gegebenheiten des monumentalen Kirchenschiffs mit seinem deutlich präsenten Hall unterworfen, der sämtliche Zeilen in gleichmäßigen Weiten ausebben ließ, ein Effekt, der einigen der flächigeren Texte eine sinnvolle klangliche Dimension spendierte, insgesamt aber das Verfolgen des Vortrags erschwerte. Ebenso wie V verhandelt auch Pontus (die lateinische Bezeichnung des Schwarzen Meeres) historische Gegebenheiten, Mythen und Literatur zum jeweiligen Landstrich, durch die Jahrtausende und Jahrhunderte gefiltert und neu angesetzt in der Gegenwart. Sprechendes Beispiel dafür Danz‘ Ode an Wladimir Putin im Stile von Pindars Epinikia. Zu Fuß vermaß ich anschließend eine Meile meiner unmittelbaren Heimat, auf der entlang der Neusser Straße Obdachlose in Büschen, auf Parkbänken und Hauseingängen sich zur Nacht begeben hatten.

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