Cholera Blues

„Einen Augenblick lang hatte Gıli dann aber die Spur des Monsters von Cholera verloren. Es war, als ob ein Meisterregisseur den Wicht einfach ausgeblendet hätte. Gıli stand ratlos am Ende einer Sackgasse und sah sich verzweifelt nach links und rechts um, da gaben ihm plötzlich ein paar Tauben mit roten Mänteln und weißen Hemden das Zeichen: „Folge uns!“ In seiner Kindheit hatte Gıli diese Viecher nie groß beachtet! Jetzt aber flog er dorthin, wohin die Vögel zeigten. An einer Stelle, wo zwei Mauern zusammenliefen, an einer schnuckeligen kleinen Ecke, fand er den Schatten vor sich hinbrabbelnd. Gıli ging auf ihn los und drosch wie ein Maschinengewehr auf seinen Schädel ein. Während Gıli den Kerl auseinandernahm, sprach er kein Wort. Das einzige, worauf er peinlich genau achtete, war, daß seine Knöpfe heil blieben. Das war ja auch nur verständlich, denn alles, von der Ästhetik der Schlägerei bis zu ihrem dichterischen Wert, würde von den alten Poeten genauso unter die Lupe genommen werden.“

Zwei Tage, nachdem er Metin Kaçan vor Jahresfrist das letzte Mal getroffen habe, habe sich der Kollege von einem Taxi Richtung Üsküdar chauffieren lassen, den Fahrer mitten auf der Bosporusbrücke gebeten anzuhalten, sei aus dem Wagen gestürmt und über die Brüstung gestürzt, so hätten es die Zeitungen berichtet; Metin Kaçans Leiche sei Wochen später am Marmarameer angespült worden. Mit diesen Worten überreichte mir Alper Canıgüz bei seinem aktuellen Köln-Besuch einen Roman namens Cholera Blues (im Original mehrdeutig: Ağır Roman), das Buch, das Metin Kaçan in seiner Heimat bekannt gemacht hatte, das Alper aufgrund seiner stilistischen und inhaltlichen Neuerungen für den bedeutendsten türkischen Roman der Neunziger erachtet und das 1997 von Mustafa Altıoklar verfilmt wurde, der zuvor das opulent-trashige Historiendrama Istanbul Beneath My Wings (İstanbul Kanatlarımın Altında) um die sagenhaften osmanischen Flugpioniere des 17. Jahrhunderts, die Brüder Hezarfen Ahmet und Lagari Hasan Çelebi, in Szene gesetzt hatte.

Metin Kaçan beschreibt darin das Leben in einem fiktiven Viertel, das wie seine Hauptstraße nach der Cholera benannt ist und deutliche Anleihen bei Dolapdere nimmt, einem wilden Armutsviertel der Istanbuler Innenstadt (so taucht das in Dolapdere beheimatete Museum für den polnischen Dichter Adam Mickiewicz mehrere Male im Text auf). Das Personal der Geschichte besteht aus schlagkräftigen Handwerkern, Café-Zockern, Mafiosi, Transen, Messerstechern, Nutten, Terroristen, Fundamentalisten und drogensüchtigen Dichtern, aus Türken, Armeniern, Griechen, Juden und Roma, einem facettenreichen Bodensatz mit Tradition, dessen Sprache sich als abenteuerlicher Slangmix im Buch niederschlägt, dessen Plot mich an Pasolinis Ragazzi di vita sowie an Yaşar Kemals Zorn des Meeres (Deniz Küstü), erinnerte, als seien deren Geschichten einer rasanten postmodernen Beschleunigung unterzogen, durchwirkt von Metafern des magischen Realismus und auf einem letztlich sufistischen Taumel über die von Alltagsgewalt gezeichneten Grate und Schlünde der weniger touristischen Hügel Istanbuls.

Tod durch Feuer, Klingen und Kugeln, Mord aus verzweifelter Armut, verletzter Ehre und Rache haben in der tausendjährigen Stadt am Bosporus eine kaum zu überblickende Geschichte und stehen bis heute auf der Tagesordnung. Zeitungsmeldungen über stattgefundene Gewaltausbrüche verwandeln sich in Kolportage und Gerüchte, während gleichzeitig einige der grausamsten und absurdesten urbanen Legenden konkrete Gestalt annehmen. Offenkundiges bleibt unaufgeklärt, Schuldige werden erfunden. Fürchterlich ist die Ahnung, die sich mit Drogen eindämmen, aber nicht abtöten läßt. Die „Schnippler“ in Cholera Blues schneiden gefangenen Kindern, die sie zum Betteln abrichten, Finger ab, je nach Abgebrühtheit mit der feinen Methode (unter Betäubung) oder der groben. Doch selbst die Grobschnippler erbleichen vor Geschichten über Gewaltorgien in den dunkelsten Eingeweiden des Viertels. Trotzdem verlassen die Einwohner Cholera nicht, weil es ihnen Heimat bedeutet und die schicksalsschwangere Nachbarschaft jeden Tag wenigstens eine Geschichte produziert, die das Leben erträglicher gestaltet, indem sie die Straße zum Lachen bringt. Ihr atemloser Erzähler, Metin Kaçan, saß zu Lebzeiten mehrere Jahre wegen Vergewaltigung und Folter ein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s