Deutsche Lyrikanthologie im Iran

Deutsche Lyrik von den Anfaengen bis zur Gegenwart Anfang März erschien bei Ketabe Parseh in Teheran die zweisprachige Anthologie Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart, herausgegeben und übersetzt von Ali Ghazanfari. Beginnend mit Lorscher Bienensegen, Merigarto und Merseburger Zaubersprüchen bietet die Sammlung einen Überblick über die Geschichte der deutschen Lyrik bis zur aktuellen Dichtergeneration. Aus der Gegenwart vertreten sind u.a. Ulrike Draesner, Gerhard Falkner, Durs Grünbein, Ursula Krechel, Steffen Popp, Monika Rinck und (als jüngster Beiträger) Gerrit Wustmann, von mir wurden zwei bislang unveröffentlichte Fußballgedichte aus dem Barça-Zyklus aufgenommen. Nach Teheran geschickt hatte ich die Texte vor langer Zeit. Literarische Veröffentlichungen müssen im Iran zunächst die Zensurbehörde passieren, deren Entscheidungen als völlig unberechenbar gelten. Ein sprechendes Bild über die Vorgehensweise der Institution liefert ihr derzeitiger Chef, der iranische Minister für Kultur und islamische Führung, Ali Dschannati: „Wäre der Koran nicht Gotteswort, würde die Buchabteilung des Ministeriums den heiligen Text wegen Amoralität zensieren.“ Manche Manuskripte verschwinden für Jahrzehnte in den Schubladen der Behörde. Drei Jahre dauerte der Freigabeprozeß für die rund ein Kilo schwere Anthologie in der Buchabteilung des iranischen Kulturministeriums, zwei weitere Jahre verstrichen, bis sie erscheinen konnte. Schließlich überstand mein Exemplar noch mehrere Wochen Postweg, während derer ich, um das Warten iranisch zu gestalten, Der letzte Ausweis von F. M. Esfandiary las, ein sehr empfehlenswerter Roman, der die Gespaltenheit eines nach Teheran zurückgekehrten Exilanten und den Irrsinn der Bürokratie in einer schlichten direkten Sprache erzählt, die permanent zwischen Tragödie und Schelmenstück schwebt.

Nachtrag, 26. April 2014
Am 17. April berichtete das Teheraner Kunst- und Kulturmagazin bukharamag.com von Ali Dehbashi ausführlich und mit Bildern über die feierliche Buchvorstellung vom Vortag. Hier geht es zum Artikel.

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