Neulich, in der Kölner Literaturszene (4)

alper_tatli rüyalar_insektUngewöhnliche Signatur: Handkantenabdruck des Autors als Stechinsekt

Der lit.COLOGNE gelingt es seit Jahren, Publikum in Massen zu mobilisieren, das sonst auf Literaturveranstaltungen in Köln selten bis gar nicht anzutreffen ist. Die meisten Lesungen sind im Vorhinein ausverkauft, so verhielt es sich auch mit der Präsentation dreier AutorInnen aus der Türkei: „Hinkender Rhythmus und extreme Verwandlung – Gaye Boralıoğlu, Hakan Günday und Alper Canıgüz“ im raumgreifenden Foyer der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) in der Innenstadt. Der Run auf lit.COLOGNE-Tickets führt zu Auswüchsen, die sonst eher von Fußballspielen und Popkonzerten bekannt sind. Gut eine Stunde vor Beginn war am Eingang des DEG-Glaspalasts eine Handvoll Damen zu beobachten, die mittels beschriebener Pappen auf abzugebende Tickets spekulierten. Mir verhalf ein kleines Wunder, bewirkt von Alper Canıgüz und seiner Deutschland-Verlegerin Selma Wels, kurzfristig zu einem Gästelisten-Platz mit bester Sicht auf die Bühne.

Seit Anfang des Jahrtausends besticht die junge türkische Literaturszene mit einer Generation großartiger, nicht selten unkonventioneller ErzählerInnen, ein Trend, den nun auch die lit.COLOGNE aufgriff. Hakan Günday las aus Extrem (Originaltitel: AZ, ein Wort, das auf Türkisch „wenig“ bedeutet und zugleich das komplette Alfabet einschließt) eine S/M-Szene mit überraschendem Ausgang. Darin trifft Derdâ, seine Heldin, als elfjährige anatolische Kinderbraut an einen islamistischen Extremisten nach London verkauft, dort fünf Jahre gefangen gehalten, verprügelt und vergewaltigt, auf ihren über und über tätowierten, mit Crystal Meth vollgepumpten Nachbarn Stanley. Derdâ wird im Laufe des Romans u.a. noch mit Heroin und Youporn enger bekannt, das Publikum schluckte, Moderator Oliver Kontny nannte Punkrock als Inspiration für Hakan Gündays Schreiben, Hakan selber sprach von quälend endlosen Suchen nach dem richtigen Satz, dem erlösenden einen richtigen Wort unter tausenden als quasimasochistisch zu erlangendem Schreiborgasmus.

Gaye Boralıoğlu präsentierte einen Ausschnitt aus ihrem Roman Der hinkende Rhythmus (Aksak Ritim), der dem Neunachteltakt der Romamusik Tribut zollt, der „einen Schlag zuviel“ aufweise, den entscheidenden nämlich, die Dinge durcheinander zu bringen. Güldane, eine junge Narzissenverkäuferin aus Tarlabaşı wird an ihrem ersten Arbeitstag auf einer stark befahrenen Istanbuler Hauptstraße von einem Autofahrer abgezockt, worauf sie in unsägliche Wut gerät und die restlichen Narzissen, ihr Startkapital, auf die Straße schleudert, wo sie von den Reifen zerquetscht werden. Eine starke Szene, in deren Folge das Mädchen in fatale Liebesverwicklungen gerät. Gaye Boralıoğlu interessiert sich in ihren Geschichten für Verliererfiguren, insbesondere weibliche. Immer wieder höre oder lese ich von türkischen, auch deutschtürkischen Schriftstellern über unterdrückte Sexualität als destruktive Antriebskraft für Alltagshandlungen. Gaye erzählte von heutigen jungen Mädchen und Frauen in der Türkei, die nicht wüßten, wohin mit ihrer angestauten Sexualität, und darüber dermaßen verzweifelten, daß sie zu allem bereit seien.

Alper Canıgüz las aus seinem Erstling Die Verwandlung des Hector Berlioz (Original: Tatlı Rüyalar), der vor 14 Jahren erschien. Auf Deutsch bei Binooki verlegt nehmen seine bisher drei (von insgesamt vier), allesamt höchst empfehlenswerten Bücher die umgekehrte Erscheinungsreihenfolge ein: insofern passend, als abrupte Brüche und emotionale Achterbahnfahrten prägende Merkmale des Canıgüz-Sounds vorstellen. Der Dialog eines Psychologieprofessors auf Beruhigungsmitteln mit einem seltsamen bernsteinäugigen Gast, der dem Freudianer davon erzählt, wie ein Mann, der in seinen Träumen auftaucht mit ihm die Identität wechselt – „dieser Mann ist mindestens so real wie ich, in vielerlei Hinsicht sogar realer“ – ist ein grandioses Vexierspiel mit dem Wirklichkeitsbegriff. Oder, wie Alper im Gespräch anmerkte: „Wer bist du, denkt der Mann, der dich morgens aus dem Spiegel anschaut.“

Daß die weit über zweistündige Veranstaltung durchgehend kurzweilig verlief, verdankte sich allen auf der Bühne Beteiligten. Moderator Oliver Kontny erwies sich als multiples Talent: nicht nur stellte er bündig die Romane vor und intonierte anschaulich den schwierigen Neunachteltakt, sondern übersetzte auch das von ihm geführte Podiumsgespräch über Schreibanlässe und Wechselwirkungen der Literatur mit der politischen Situation in der Türkei in beide Sprachen. Die vielstimmigen Texte in deutscher Übersetzung zu lesen, oblag Melanie Kretschmann vom Ensemble des Schauspiels Köln. Keine leichte Aufgabe, zumal alle drei AutorInnen sich als Vortragsprofis erwiesen. Mit ins Körperliche fahrendem Einfühlungsvermögen übertrumpfte sie gelegentliche Haspler. Die türkischen Vorträge klangen vorwiegend melodisch, fasenweise poetisch. Melanies Vortrag der deutschen Übersetzung gewann den Texten rauhere und heftigere Noten ab. Just als dem bei drei Autoren naturgemäß etwas vagierenden Gespräch Überlänge drohte, führte Kontny es mit zwei drei sympathischen Kapriolen zum verdient und mehrfach beklatschten Ende.

Unlängst schwoll eine Jammerwelle deutscher AutorInnen über mangelnde Welthaltigkeit und daher zu vermutender Bedeutungslosigkeit des hiesigen Gegenwartsromans (gemeint waren jeweils die Bücher der KollegInnen) durchs Feuilleton und wuchs – beinahe – zum Tsunami. Ein alter und immer wieder neuer Jammer, den ich nicht teile. Allen, die ihn teilen oder einfach nicht wissen, wo gute Romane aufzutreiben sind, sei wärmstens ein Blick auf die türkische Gegenwartsliteratur empfohlen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s