Heute morgen, an der Ampel

lyrik in köln
Lyrik im öffentlichen Raum besitzt in Köln wenig Tradition – sofern von verschriftlichten Formen die Rede ist. Zu Beginn bis Mitte der Neunziger beklebte Tom Toys (heute nach vollzogener Selbstadelung: Tom de Toys) Ampeln und Laternenpfähle der Stadt wild mit seinen Gedichten. Etwa zeitgleich sprühte Enno Stahl kurze lautgedichtartige Texte und „moderne Runen“ in den urbanen Raum. In den Anfangsjahren des neuen Jahrtausends brachte das Kölner Literaturhaus, in Kooperation mit weiteren Literaturhäusern anderer Städte, drei- oder viermal während der Sommerferien auf bezahlten Plakatflächen „Poesie in die Stadt!“.
Heute morgen, als ich meinen Sohn zur Schule brachte, stieß ich an Verkehrsampeln in Mauenheim und Bilderstöckchen auf neue lyrische Interventionen in Köln. Die Spuckis in einheitlichem Design transportierten kurze Texte mir bis dato unbekannter AutorInnen, als Erkennungszeichen tragen sie einen karmesinroten Kreis, der an die Sonnenscheibe der japanischen Flagge erinnert und eine Webadresse, die zu Lyrik in Köln, einer seit anderthalb Jahren bestehenden „Initiative zur Förderung der Dichtkunst in Köln“ führt, die zu Einsendungen für ihr monatliches, kostenlos verteiltes Lyrik-Faltblatt aufruft.

Nachtrag, 21 Januar 2016
Das Epizentrum von Lyrik in Köln liegt in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Nachdem ich zuletzt 2014 Gedichtspuckis an Ampeln und Laternenpfählen im Stadtbezirk Nippes erblickt hatte (unter den weiteren Sichtungen fanden sich auch Texte mir bekannter AutorInnen), die Wettereinflüsse und Knibbelattacken von Gedichtspuckigegnern nur kurze Zeit überstanden, war ich davon ausgegangen, daß die Aktionen ausgelaufen seien. Mitnichten! Jüngst stieß ich auf dieses Adventgedicht von Gundula Schiffer, das noch nicht allzu lange kleben konnte:

Digital StillCamera

 

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3 Kommentare zu “Heute morgen, an der Ampel

  1. lieber stan! danke, daß du meine damalige aktivität an dieser stelle würdigst. ein interessanter hinweis, diese initiative! ein revival bzw eine reinkarnation der wortwörtlich „freien“ dichtung, nämlich IM FREIEN – ich werde mich bewerben 🙂

  2. P.S. allerdings stimmt das mit der selbstadelung nicht ganz: es war die mutter des düsseldorfer performance-künstlers D.C.HOFFMANN (ein kollege von Tom A. Hawk), die mich im sommer 1996 adelte. da wir gerade die pressetexte für die kunstausstellung „DIE DÜSSELDORFER“ im kunstpalast (ehrenhof) vorbereiteten, übernahm ich IHRE IDEE für den katalog. das war ein großes glück, denn so konnte ich den zusatz „de“ auf einem hohen niveau offiziös machen, nachdem ich den namen tom toys bereits seit 1985 ohne adelspräfix verwendet hatte. meine „kölner epoche“ steht damit quasi im zeichen der unadeligkeit, denn wie du ja weißt, bin ich im herbst 1995 nach ddorf-garath geflüchtet, weil mir köln zu bieder, zu satt und langweilig erschien: subversivität braucht eben ein offenes, neugieriges publikum. düsseldorf ist natürlich ebenso satt, da halten sich die städte die waage, aber berlin wiederum ist zu hungrig, zu aufgeregt, zu GESÄTTIGT AN SUBKULTUR, da verliert das subversive an kraft, wenn jeder zweite auf subversiv macht, aber die politik letztlich trotzdem verbiedert bleibt. ach, was soll ich sagen: es geht eben ÜBERALL nur um flughäfen, messegelände und börsenspektakel. sogar KRITISCHE KUNST fungiert nur als dessert und deko…

  3. die frau von dieser lyrik initiative hat bis heute nicht geantwortet. sehr seltsam… ist das ne feine dame? die neue kölner l…angsamkeit, äh lyrik, jaja, tolle sache! falls du im herbst also wieder gedichte von mir an den laternen findest, gib mir bitte bescheid, ja? ne, was für eine FEINE dame, das is aber auch eine feine dame, eine GANZ FEINE dame (du weißt, welchem berühmten popliteratur-text das „fein“ entlehnt ist 🙂

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