Neulich, in der Kölner Literaturszene (3)

Diesen Monat gastierte der Berliner SuKuLTuR-Verlag mit fünf AutorInnen im Literaturklub im Theater in der Wohngemeinschaft (Innenstadt, Richard-Wagner-Str. 39) mit seiner Heftreihe Schöner Lesen, die es inzwischen auf 132 Titel gebracht hat. Die Schöner Lesen-Hefte werden unter anderem in Süßwarenautomaten vertrieben, die Liste der AutorInnen liest sich als schillerndes Panorama der deutschsprachigen Literaturszene, von mir gibt es in der Reihe das Leseheft Nr. 56 Ein paar Bars. Die Hefte kosten jeweils einen Euro, der Verkaufspreis soll nach 18 Jahren nun in Kürze verdoppelt werden.
Literaturklub-Gastgeber und SuKuLTuR-Autor Adrian Kasnitz präsentierte zunächst Jan Drees, der zum Auftakt seiner siebenbändigen Reihe zu den kanarischen Inseln äußerst pointiert aus Teneriffa las, wohin es seinen etwas schlaffen Helden Sandberg in eine von Ayurveda- und Thalasso-Anwendungen begrenzte Hotelbucht in den Urlaub verschlägt. Drees begründete die Motivation für seine literarischen Inselbetrachtungen mit steuerlicher Absetzbarkeit der Recherchekosten. Diejenigen unter den im Publikum großzügig verteilten SchriftstellerInnen, die noch Urlaub vermögen, dürften aufgehorcht haben. Es folgte Marc Degens, einer der drei SuKuLTuR-Verleger, sowie erster Hausautor, mit Auszügen aus Man sucht sich, einem rund 20 Jahre alten Text, in dem ein sich betrinkender Autor in wilden Volten über seinen Hipnessstatus sinniert, dieweil seine Geliebte bei ihrer lesbischen Freundin übernachtet. Degens Text aus den Anfangstagen des Verlages kontrastierte Sophie Reyer mit ihrem jüngst erschienenen Band Die Erfahrung um eine Geburt. Text wie Vortrag vermittelten Lupenfunktion, der Fokus richtete sich auf Kehlköpfe und aufsteigende Luftblasen in einer Wohnzimmervase, Sophie Reyer hielt beim Lesen immer wieder zwischen zwei Bildern inne und blickte vom Blatt in die Echtwelt hinauf, eine unkonventionelle Lesehaltung, die Spaß machte, indes ihr Text zunehmend in ungutes Rot abtauchte. Nach der Pause las Gastgeber Adrian Kasnitz kurz aus seinem Roman Wodka und Oliven. Kontraliterarisch der abschließende Vortrag Linus Volkmanns aus seinem neuen Super-Lupo-Manuskript um die Sexbeziehung zwischen einem Hartz IV-Empfänger in mittleren Jahren mit einer nymfomanischen Bewohnerin des Seniorenstifts von Bad Orb: zotig-zynischer Schenkelklopfer-Trash, in den sich um die zwei zündende Pointen verirrten. Insgesamt ein bunter Abend, der die Geschmäcker verwirrte.

Auf und jenseits der Grenzlinie zwischen vorgetragener Kurzgeschichte und literarischem Kabarett bewegt sich Alexander Bach mit seinem aktuellen Spoken Word-Programm Anonyme Melancholiker. Die Premiere gab es zu Monatsbeginn im Nippeser Heimathirsch (Mauenheimer Str. 4), einem netten Bühnenkeller mit fragilen Sitzgelegenheiten. Alexander Bachs Geschichten rekurrieren häufig auf Lieblings-Comicstrips und -Filme seiner Kindheit und Jugend, ausgehend von Yps-Gimmicks, Marvel-Superhelden oder Weltraumreisenden konstruiert er behutsame Geschichten, die den Wahnsinn der Welt, deutsch gespiegelt, aus dem Kinderzimmer über die Studenten-WG durch den Berufstätigenalltag unaufhaltsam zu den letzten Wohnstätten hinführen. Bachs Vortrag hörte sich angenehm nach persönlichem Habitus und frei von kursierenden Sprechmoden an. Ein originell dargebotener Spoken Word-Akt zwischen Unterhaltung und melancholischem Ernst. Die zum Programm gehörige Geschichte Traumfrau gibt es auch gedruckt als Literatur Quickie (z.B. bei diversen Internethändlern), hier der Buchtrailer.

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