Neulich, in der Kölner Literaturszene

Gestern stellten sich bei einem „literarischen Sonntag“ im Rautenstrauch-Joest-Museum die Kölner Literaturinstitutionen vor. „Einmischen – Mitmischen – Aufmischen“ hieß der Slogan zur Veranstaltung, den ich geflissentlich übersehen hatte. Geboten wurden u.a. Einblicke in neue Romanprojekte von Markus Berges und Adrian Kasnitz. Die wollte ich mitnehmen. Lange war ich im Ausland unterwegs gewesen, noch länger hatte ich in Köln keiner Lesung mehr beigewohnt. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, überwiegend von Damen mit silberner Haartracht (einer schönen, zeitlosen Mode), das Programm bereits am frühen Nachmittag eine knappe Stunde im Verzug. So gelangte das an Berges interessierte Publikum zunächst in den Genuß einiger Tagebuchausschnitte und Frontbriefe aus dem August 1914. Denn die Literarische Gesellschaft Köln e.V. hatte im Vorjahr einen Ausflug nach Marbach unternommen und dort im Deutschen Literaturarchiv den Ersten Weltkrieg als Thema entdeckt. Angekündigt wurden, kaum war es mir gelungen, einen Platz inmitten der Stuhlreihen voll literaturbegeisterter Damen zu ergattern, nun also Stimmen „berühmter Autoren“, es fielen (womöglich dem im Prospekt propagierten „Aufmischen“ genüge zu tun) und provozierten tatsächlich ansatzweises Raunen die Namen Heinrich und Thomas Mann, vorgetragen werden sollten sie von „der Sprecherelite des WDR“, was meine Sitznachbarin mit Silberfrisur zur Rechten zu dem Statement veranlaßte, solch öffentlich zur Schau gestellte Selbstbesoffenheit kenne sie nur aus Köln. Ob auch ich noch auf die Bühne treten würde? Kaum fünf Minuten zurück in der lokalen Literaturwelt, fühlte ich mich wieder ganz zuhause. Erstaunlicherweise blieben die „berühmten Stimmen“ aus, Jörg Hustiak hatte sein gemischtes Augustprotokoll stattdessen aus Texten weitgehend vergessener AutorInnen zusammengestellt und brachte u.a. zu Gehör wie infolge der Mobilmachung im Spätsommer 1914 Berlins Straßen verödeten (keine stattlichen jungen Männer mehr, nurmehr Mütter mit Kindern und Greise, beklagte eine junge vergessene Dichterin, wiederum begrüßend, daß auch die Schnösel aus Berlin verschwunden seien) und welche Massaker der deutsche Marsch auf Frankreich durchs offiziell neutrale Belgien mit sich brachte. Vom Ersten Weltkrieg werden wir fortab bis 2018 kaum an einer Ecke des öffentlichen Lebens verschont bleiben. Insofern ein passendes Horsd’œuvre, das mit erlauschten Textausschnitten von Harry Graf Kessler auch auf rheinsein Niederschlag finden wird. Dann kam Markus Berges (u.a. Sänger von „Deutschlands bester Band“ (die Kollegen von der Lokalpresse) Erdmöbel) auf die Bühne, sein Romanprojekt heißt „Die Köchin von Bob Dylan“ und das Probekapitel, das er las, spielte in der russischen Provinz und handelte zunehmend von einer wilden Verfolgungsjagd, an der eine Muhme, ein Kind, ein Ferkel und ein Hundeschlitten auf der einen, sowie ein Wolfsrudel auf der anderen Seite entscheidend beteiligt waren. Das Abenteuer ging für das Ferkel nicht gut aus und rief vage Erinnerungen an meine Jugendlektüre „Der Kurier des Zaren“ (ein Titel, der durchaus Verwandtschaft mit „Die Köchin von Bob Dylan“ andeutet) von Jules Verne wach. Adrian Kasnitz stellte im Anschluß Auszüge aus seinem Romanprojekt „Die Kreuzung“ vor. Ein Kriegsberichterstatter zieht sich nach Köln zurück, wo er am liebsten die Kreuzung unterhalb seiner Wohnung beobachtet. Kontakt mit der Außenwelt nimmt er über Facebook auf, ein weiteres Schlachtfeld, das trotz aller ihm zugesprochenen Virtualität durchaus ganz plötzlich der Realität am Jackett kleben kann. Berges‘ und Kasnitz‘ Projekte wurden beide von der Kulturstiftung der Stadtsparkasse Köln angeschoben, die ihre Ausrichtung überarbeitet hat und sich seit einem Jahr der Individualförderung zuwendet.

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