Überall Gedichte

Unter den Hashtags #şiirsokakta und #şiirheryerde firmiert in der Türkei eine Bewegung vornehmlich jüngerer Menschen (Studenten, Schüler), die sich dem wilden Verbreiten von Lyrik im öffentlichen Raum verschrieben hat. Erstmals aufmerksam wurde ich auf die Bewegung vergangenes Jahr, als ich auf Facebook Fotografien solcher Beschriftungen sah, die Achim Wagner in Ankara aufgenommen hatte. Mit dem Betrachten einher ging der Gedanke, daß es unseren Städten gut zu Gesicht stünde, wenn diese Bewegung auch auf Deutschland überspringen würde.

siirsokakta_sen ben biz_klIn Istanbul habe ich bei meinen Erkundungsgängen stets nach poetischen Interventionen Ausschau gehalten. Inzwischen hatte ich von verschiedenen Seiten erfahren, daß sich der Bewegung Hunderte, wenn nicht Tausende verbunden fühlten. Stadtbezirke wie Beyoğlu, Beşiktaş oder Kadıköy, in denen Street Art omnipräsent wirkt, ließen folglich zahlreiche Beispiele erwarten. Es dauerte überraschenderweise beinahe zwei Wochen, bis ich das erste Gedicht entdeckte, an einer Stelle unweit meiner Unterkunft, von der ich mir sicher war, daß noch tags zuvor dort nichts gestanden hatte. Mochte das Gedicht (Bild oben) erst wenige Stunden alt sein, war die Inschrift gleichwohl bereits vom Regen angegriffen und zeigte somit eine wichtige Eigenschaft dieser Art öffentlicher Publikationen: ihre rasche Vergänglichkeit – wovon auch der für einen Permanentmarker recht paradoxe Name Snowman beredtes Zeugnis abliefert, eine Marke, die häufig bei den Beschriftungen zum Einsatz kommt.

Digital StillCameraInsgesamt entdeckte ich bei meinen Streifzügen durch Istanbul gerade mal ein gutes Dutzend der Bewegung zuzuordnender Gedichte oder Gedichtzeilen, davon zweimal je eine Handvoll auf engstem Raum akkumuliert. Die wenigen vorgefundenen Texte standen für eine erstaunliche Vielfalt in Auswahl und Ausführung. Es gab Zeilen anonymer, zeitgenössischer oder auch längst verstorbener Dichter wie Orhan Veli. Der lyrische Stil schien keine Rolle zu spielen. Auch waren die Texte nur teilweise den Gezi-Protesten zuzuordnen, in deren Rahmen die #şiirheryerde-Bewegung vergangenen Sommer in Istanbul einen imposanten Höhenflug erlebt haben soll. Neben eher exponierten und auf mittlere Dauer angelegten Beschriftungen des öffentlichen Raums übt sich die Bewegung auch in vergleichsweise leisen Ausdrucksformen: mit lyrischen Zeilen versehenes Herbstlaub oder auf Restaurant- und Supermarktquittungen zurückgelassene Verse dürften auf nur wenige, dafür umso intimere Zufallsflirts mit dem plötzlichen Auftauchen lyrischer Schönheit im Alltag abzielen.

Zur Geschichte der Bewegung hat Achim Wagner für die Lyrikzeitung vergangenen Oktober einen kleinen, informativen Abriß unter dem Titel Das Gedicht ist überall verfaßt.

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2 Kommentare zu “Überall Gedichte

  1. Pingback: #şiirheryerde - Das Gedicht ist überall

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