Self-portrait in a thought of Zaha Hadid

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Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss

Flyer_VorderseiteMein Blogprojekt rheinsein ist aktuell im Kunstpavillon Burgbrohl zu Gast mit einer Ausstellung, die Exponate aus der Sammlung Marcel Crépons erstmals diesseits des Internets zeigt und neu arrangiert. Die Fotografien, Zeichnungen, Bücher, Artefakte und Objekte dienten Marcel Crépon ursprünglich zur Illustration seiner randseitigen Reiseberichte, die er seit dem Sommer 2013 in unregelmäßigen Abständen und mit exponentiellem Volumenwachstum rheinsein zur Verfügung stellt.

Der Eifelort Burgbrohl liegt nur eine Handvoll Kilometer vom Mittelrheintal entfernt, die unmittelbare Umgebung mit Andernach, Bad Breisig und Burg Olbrück gehört zu den Zentren der Créponschen Rhein-Erkundungen. Auch der Ausstellungstitel (Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss) im Rahmen der Reihe Absurde Phänomene des Realen ist einem Bericht von einer Reise in diese Gegend entlehnt. Die technische Umsetzung der Ausstellung hat der Kölner Künstler Roland Bergère realisiert, der rheinsein von Beginn an verbunden ist. Die teilweise ausufernden Geschichten hinter den Exponaten können innerhalb der Ausstellung abgerufen werden.

Zur Vernissage am Samstag sprachen der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Brohltal Johannes Bell, der mit Detailwissen zum Rhein vor 13.000 Jahren überraschte und Rita Anna Tüpper mit einer kunsthistorisch fundierten Heranführung an die Exponate, deren Profanität als Dinge, abstruse Sammelobjekte und persönliche Erinnerungen im Rahmen des Kunst- bzw. Ausstellungskontexts vorübergehend erglänzen und als Anlass öffentlichen Staunens dienen mag. Abschließend sprach ich, als rheinsein-Betreiber, auf der spärlichen Basis dessen, was sich an privaten Informationen aus der mehrjährigen, stark auf Inhalte fokussierten Korrespondenz und seinem mittlerweile buchstarken Textkonvolut filtern ließ, über die Person Marcel Crépon.

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Durchgekaute Lektüre: Besonders schwerfällige Heidegger-Passagen, mit Speichel zu Papierkugeln geformt, waren eines der Lieblingsexponate des Vernissagenpublikums (Bild: Boris Nieslony)

Eine erste Presse-Reaktion war der mit O-Tönen verschnittene, heute im Journal am Mittag gesendete und leider nicht als Podcast verfügbare Ausstellungs-Bericht von Marianne Lechner für den Kultursender SWR2:

„(…) Seit Jahren ist Crépon entlang des Rheins unterwegs, redet mit Menschen, sammelt Geschichten und Gegenstände, die ihm aufhebenswert erscheinen. Stan Lafleur sagt, Crépon schicke ihm diese Texte per E-Mail, dazu Fotos, Zeitungsartikel und auch Objekte. Eine kleine Auswahl davon hängt jetzt an der Rückwand des ArtLab. Die Zeichnung eines Mannes, der sich von der Rheinreise Victor Hugos inspirieren ließ. Ein Foto, das zeigt wie ein Elsässer auf einem Feld den Verlauf des Rheins nachgebildet hat: ein Mini-Flussbett, ausgegraben und dann mit Wasser gefüllt, das tatsächlich mit Eimern aus dem Rhein geschöpft und zum Feld geschleppt wurde. Drei Fläschchen Wasser aus dem Rheinfall von Schaffhausen in der Schweiz: eine kritische Anmerkung eines Künstlers zum Rheinwasser, das Touristen dort in Aludosen als Souvenir kaufen können. Ein Kasten mit Fundstücken vom Rhein: Knochen, Tierzähne, glitzernder Mineralstaub. An der Wand hängen aber auch Tablets mit bewegten Bildern. (…)“

Der Beitrag schließt mit der Vermutung, dass es sich bei Marcel Crépon, weil die Google-Suche nach seinem Namen keine Ergebnisse zeitige, um eine Kunstfigur handeln könne. Ein Schluss jedenfalls, der ganz auf Marcel Crépons feinen Nerv für Humor passen und gleichzeitig seine dem Kunstbetrieb nahezu unverständlichen Impulse zu Anonymität und Öffentlichkeitsscheu bedienen dürfte: in den für rheinsein bestimmten Schriften äußert Crépon an einer Stelle, dass die durch Saint-Maurice-de-Lignon verlaufende Rue Marcel Crépon, deren Existenz ihn vor wenigen Jahren überrascht und peinlich berührt habe, seine Anonymität letztlich schütze, weil Straßen bekanntlich nie nach lebenden Personen benannt würden.

Ich versichere: Marcel Crépon existiert, auch wenn er kein Freund von Vernissagen ist, nicht einmal (oder ganz besonders nicht) der eigenen. Die Ausstellung läuft noch, begleitet von Workshops zu Möglichkeiten von Kunstverständnis, bis 25. Mai 2018 und kann bis dahin, am besten nach vorheriger Vereinbarung, besichtigt werden.

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Nachtrag, 24.04.2018
Eine zweite Besprechung der Ausstellung liefert heute das rheinland-pfälzische Regionalblatt Blick aktuell: „Von nah und fern kamen vor Kurzem viele Besucher nach Burgbrohl-Lützingen, um im ArtLab des Kunstpavillons Burgbrohl die Eröffnung der Ausstellung „Wo nichts zu sehen ist, fließt der Fluss“ mitzuerleben. Die Idee zur Ausstellung basiert auf den Einsendungen von Marcel Crépon zum Weblog „rheinsein.de“ des Schriftstellers Stan Lafleur. (…) Den Titel der Ausstellung hat Crépon selbst gewählt und führt so über seine gedankliche Flussparadoxie sowohl an den konkreten Fluss, den Rhein, heran als auch an den digitalen Strom von rheinsein.de, dem Blog, dem man alle öffentlichen Äußerungen Crépons verdankt. (…) Crépon stellt hier unter anderem einen Holzrahmen mit drei völlig gleich aussehenden Gläsern aus, das eine mit Rheinwasser von oberhalb des Rheinfalls von Schaffhausen, das zweite mit Wasser aus dem Moment des Fallens und ein weiteres mit Rheinwasser von unterhalb des Rheinfalls. Er behauptet, dergestalt Zeit verkaufen zu können – eine gleichermaßen witzige wie weise Anmerkung zur Vergänglichkeit (…).“

Und eine weitere, einzig in der Printversion verfügbare Besprechung unter dem Titel Die Kunst auf den Spuren eines Phantoms von Petra Ochs in der Rhein-Zeitung vom 23.04.2018 anläßlich eines Workshops mit Jugendlichen im Rahmen der Ausstellung langte heute ein: „Handfest ist aber das, was Marcel Crépon in der Ausstellung zeigt. Etwa das Foto einer Nebellandschaft von dem Tag, an dem er den Fluss vor lauter Nebel nicht entdecken konnte. Oder die zu einem Buch von Martin Heidegger im Holzkasten hinzudrapierten Kügelchen, bei denen es sich um durchgekaute Buchseiten besonders zäher philosophischer Passagen handelt. Und auch das Bild von General Laroche, das Crépon von einer Frau in Bad Breisig bekommen haben will.“ (Anmerkung: Tatsächlich handelt es sch um ein Bildnis des Generals Lazare Hoch.) Und weiter: „Angeregt von der Ausstellung setzten sich die Jugendlichen an den Tisch, um nach dem Prinzip Zufall zu arbeiten: Sie zeichneten auf Buntpapier und schnitten die abstrakten Formen mit der Schere aus, um sie auf weißem Papier anzuordnen. „Ich habe ein Etwas und ein anderes Etwas“, meinte eine der Jugendlichen – beste Voraussetzungen also, um frei nach dem
Arp’schen Gestaltungsprinzip einfach drauflos zu legen und zu kleben. Am Ende kam dabei sogar eine große Gemeinschaftsarbeit heraus.“

Lesezeichen 01/2018

Soeben erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das aktuell zwei Dutzend AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: ein Geländerhandlauf; „also“ in Diagrammen; fotografische Archäologie; Haupt-Satz, gelesen von Margarete Helminger; Figuren an einer Dorfstrasse; der persön­li­che Zeige­fin­ger­ab­druck in einem Aufzug; in den Handtaschen weiblicher Anverwandter; die grünende Sonne zur Osterzeit; Meeres-Gesänge; wie Zeit vergeht oder auch nicht; wie einer Schriftsteller wurde; Nikolai Karamsins Reisen; poetische Ausnahmemomente; Grenzen spüren; Verlorenheit im Wind; Wurstdemokratie und -guillotine; Licht und Schatten … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus einer Fotostrecke entlang des Handlaufs eines Geländers am Kölner Rheinufer: Ansichten, die an Landschaften, prähistorische Malerei und Kartenwerk erinnern.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Albera Anders, Marianne Büttiker, Barbara Denscher, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Phyllis Kiehl, Jörg Meyer, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Helmut Schulze, Andreas Louis Seyerlein, Lisa Spalt, Benjamin Stein und Chris Zintzen.

Lyrik-Pegel (3)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Raum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle ZuträgerInnen der Zukunft überlassen:

Köln
Es tauchen in Köln zunehmend öffentlich angebrachte Gedichte auf. Bisher meist an wenig frequentierten Orten und mit geringer Lebenserwartung. So ist die Gedichtkachel am Nippeser Markt, die ich im Februar dokumentiert habe, bereits Geschichte. Im Johannes-Giesberts-Park versteckt sich unterdessen ein Gedicht von Rumi. Angesprayt wurde es auf der Mauer des Clouth-Geländes, deren Parkseite großflächig mit floralen und ornamentalen Wandgemälden plus einem Buddha mit Hasenzähnen überzogen ist. Weil die Mauer von Mischwald verdeckt wird, muss sich, wer den Text entziffern möchte, dafür eigens ins Gehölz schlagen.

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Berlin
Die stark umstrittene Festnahme des katalanischen Politikers und Separatistenführers Carles Puigdemont auf deutschem Boden nahm im März die Berliner Gruppierung PixelHELPER zum Anlass, das Gedicht avenidas von Eugen Gomringer als leicht wiedererkennbares Vorbild für ein Pastiche zu verwenden, das Puigdemonts Festnahme thematisiert. Vergangenen Herbst war Gomringers Original in seiner Eigenschaft als halböffentliches Wandgedicht zum Gegenstand einer langanhaltenden Debatte aufgestiegen. Nachdem der AStA der Alice Salomon Hochschule Berlin das Gedicht erstmals politisiert hatte, sorgten die PixelHELPER damit für eine Fortsetzung bzw. Übernahme des Textes zu Zwecken der Politisierung. In drei Sprachen (Deutsch, Katalanisch, Spanisch) projizierten sie ihre avenidas-Variation puigdemont auf das Emblem der Botschaft von Spanien in Berlin.

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puigdemont in spanischer Version (Bild: Dirk-Martin Heinzelmann, PixelHELPER)

Ihren Ansatz beschreibt die Gruppierung wie folgt: „Die gemeinnützige PixelHELPER Foundation kämpft mit ungewöhnlichen Mitteln gegen gesellschaftliche Missstände. Oft werden mit Lichtprojektoren von fahrenden Autos aus Lichtkunstkarikaturen auf internationale Botschaften projiziert. Diese Form des politischen Protestes wurde schon gegen die Überwachungsprojekte der NSA, Waffenlieferungen an Saudi Arabien oder für Tierrechte eingesetzt. Oft setzen die teilnehmenden Künstler modernste Technik und alle Werkzeuge der Satire ein, um Probleme in den Fokus der medialen Berichterstattung zu stellen. Der Fokus der Arbeit liegt auf Menschenrechten, insbesondere die Freilassung von politischen Gefangenen und Staaten die gegen die Genfer Menschenrechtskonvention verstoßen. (…) Unsere Selbstjustiz der Kunst bietet alle Möglichkeiten für eine nachhaltige Veränderung innerhalb der Gesellschaft.​“

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Bamberg/Internet

avenidas auf einem Fenster des Café Müller in Bamberg (Bild: #avenidaswall)

Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht avenidas, zu dessen Spiegeleffekt ich hier bereits ein paar Gedanken geäußert hatte, entfernen. Unterdessen ersteht es an zahlreichen anderen Orten wieder auf und gleicht damit der mythologischen Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wuchsen. Nora Gomringer, die die Aktion #avenidaswall (auf Anfrage erhältliche, transparente Gedicht-Sticker im DIN A4-Format und eine eigene Facebook-Seite) initiiert hat, spricht von „Brooklyn, Barcelona, Nairobi usw“: Vervielfältigung und Verbreitung als klassisch-überzeugende Antwort an alle, die meinen, Verurteilen und Auswischen sei eine probate Lösung für den Umgang mit unliebsamer, als störend empfundener Literatur.

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Düsseldorf

Hypothetisches mural poético in einer Düsseldorfer Wohnsiedlung (Bild: Martin Knepper)

Martin Knepper schreibt: „Seit gut 15 Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, unsere kahle Hauswand an der Südostseite dekorativ verschönern zu lassen. Meist ruht die Idee nach einer Weile wieder für Monate oder Jahre, die Debatte um das Gomringer-Mural an der Hochschulwand hat mir diese Idee wieder hochgespült. Über das Was und Wie bin ich mir immer noch unschlüssig; fest steht für mich nur, dass es kein buntes Mural im Diego-Rivera-Style werden soll. Gerade die südamerikanischen Wandmalereien bieten zwar oft herausragende Beispiele, doch in unserer drögen Mittelklassesiedlung wären sie so fehl am Platz wie eine Panflötenkombo in der Kieler Innenstadt. Nein, farbarm sollte es sein, mit nichts vom scharf kalkulierten Bildgehalt ablenken, keine herzerwärmende Tröstung für die Nachbarschaft. Eigentlich gilt für mich nur die Frage Text oder Schwarzweiß.“

Lyrik-Pegel: Antwerpen

In den meisten Städten des niederländisch-flämischen Sprachraums gehört dank umsichtiger Kulturpolitik Lyrik im öffentlichen Raum zum gängigen Accessoire des urbanen Antlitzes. Bisweilen, wie in Leiden, sogar zum prägenden. Auch Antwerpen nimmt in dieser Hinsicht eine besondere Stellung ein. In anderen Städten mag die Zahl der Interventionen höher liegen: in Antwerpen punkten sie mit Funktionalität, intelligenter Ortswahl und professioneller Ausführung. Nicht wenige davon vermitteln den Eindruck, als sei es regelmäßig und dauerhaft möglich, politische und ästhetische Themen anhand von Gedichten zentral im gesellschaftlichen Diskurs zu positionieren.

Gute Hilfe beim Erkunden öffentlich angebrachter Gedichte in den Niederlanden und Belgien leistet die dokumentarische Website Straatpoëzie, die ich hier bereits kurz vorgestellt habe. Für den Großraum Antwerpen kartografiert sie aktuell über 40 Positionen. Weil die Adressen weit verstreut liegen und die Straßen der Antwerpener Innenstadt sich lustig verästeln und strecken, lasse ich die Karte für den Anfang beiseite und vertraue auf meinen Instinkt. Mit Erfolg. In den mittlerweile sensibilisierten Blick fallen zahlreiche Gedichte, die bisher nicht bei Straatpoëzie registriert sind.

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Gleich bei der ersten dérive entlang der Schelde, deren innerstädtisches Ufer momentan aufwendig zur Promenade umgestaltet wird, stoße ich auf die letzten Worte eines Mauergedichts, dessen Anfang mehr als drei Kilometer weiter nördlich liegt. Organisiert hat es der damalige Stadtdichter (2010/11) Peter Holvoest-Hanssen. Per Zeitungsaufruf hatte er die Bürgerschaft gebeten, an einem Ufertext mitzuwirken. Aus hunderten Einsendungen komponierte Holvoest-Hanssen das Langgedicht Welkom pierewaaiers (Willkommen, Freunde des Piers). Die Stadt besorgte einen Trupp Anstreicher, der den Text in zweiwöchiger Arbeit unter Zuhilfenahme von Schablonen anbrachte. Den kompletten Wortstrom, seine Installation, seine Autoren und Ideen zur architektonischen Zukunft des Scheldekais dokumentiert eine Broschüre: Lyrik und Stadtplanung Hand in Hand.

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Es bedarf keiner langen Erkundungen, um zu ahnen, dass die Beziehung von Poesie und Bürgern in Antwerpens urbanem Gelände eine durchdachte, gemanagte ist, und dass sie der Alltagsnormalität angehört. Um mehr über die Hintergründe zu erfahren, treffe ich den Dichterkollegen Michaël Vandebril, der bei Antwerpens Boekenstad-Projekt beschäftigt ist, das die literarischen Aktivitäten in der Stadt bündelt. In seiner Position fungiert Michaël als Schnittstelle, koordiniert u.a. die Aktionen der für ein bis zwei Jahre bestallten Stadsdichter mit Verwaltung, Politik und ausführendem Handwerk, hilft passende Lösungen für Literatur im öffentlichen Raum zu entwickeln und erläutert auswärtigen Interessenten wie mir das Antwerpener System. Gemeinsam spazieren wir durchs Zentrum, um einige der markantesten Gedichtstandorte aufzusuchen. Darunter auch ehemalige Schauplätze, denn einige Texte waren und sind für klar bemessene, andere wiederum für offene Zeiträume konzipiert. „Hier durch diese Straße“, sagt Michaël, als wir die Fußgängerzone erreichen, „hat die kürzlich berufene Stadsdichterin Maud Vanhauwaert einen Performance-Zug geschickt: Menschen in weißen Ganzkörperanzügen, die im Gänsemarsch schweigend durchs Zentrum marschieren und dabei leere weiße Schilder in die Höhe halten.“ Sogleich fühle ich mich an mein mangels Mitteln niemals aufgeführtes, in elektropansen #4 niedergelegtes Theaterstück Demonstration der Sinnlosigkeit aus den frühen 90ern erinnert.

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Übrig noch auf Plastiktüten: Tom Lanoyes Gedicht am vorübergehend umbenannten KBC-Turm

Das erste auffällige Gedicht im öffentlichen Raum ging auf die Amtszeit von Tom Lanoye in den Jahren 2003/2004 zurück, dem ersten Antwerpener Stadtdichter überhaupt, erzählt Michaël, als wir das markanteste Hochhaus des Zentrums passieren. Arbeiter verkleideten den Boerentoren (Bauernturm), eines der frühesten Hochhäuser Europas und bis heute das nach der Liebfrauenkathedrale höchste Gebäude Antwerpens, mit riesigen Lettern des von Lanoye maßgefertigten Gedichts De Boerentoren schrijft. Die Maßnahme war seinerzeit stark diskutiert, viele Antwerpener kennen den Inhalt bis heute, wahrscheinlich handelt es sich um das bekannteste Antwerpen-Gedicht der jüngeren Zeit.

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Über den Platz vor der Stadsschouwburg (Stadttheater) erstreckt sich ein riesiges, auf schlanke Säulen gestütztes Lamellendach. Am Wochenende findet auf dem Theaterplatz ein Markt statt. Besonderer Beliebtheit erfreuen sich die dicht belagerten Imbissstände mit Kibbeling und Schalentieren, hunderte Antwerpener ergehen sich am Samstagvormittag bei Austern und Sekt in lebhaften Freiluft-Gesprächen und Feierlaune. Zur Einweihung des Dachs ließ die Stadsdichterin von 2008 bis 2010, Joke van Leeuwen, in Zusammenarbeit mit dem Skulpturisten Bob Takes die Worte „zie wat ik zeg dat ik niet zeggen kann“ (sieh was ich sage das ich nicht sagen kann) an der Unterseite anbringen, und zwar so, dass der Text je nach Standort von den Lamellen verzerrt und verschluckt wurde und nur von einer einzigen, leicht abseitigen Position aus vollständig lesbar war. Der Architekt soll von der Idee eines Textes an „seinem Dach“ anfangs alles andere als begeistert gewesen sein, willigte aber schließlich in eine vorübergehende Maßnahme ein. Die Zeile stammt aus dem Gedicht Ben ik (Bin ich), in dem van Leeuwen Kindesmissbrauch thematisiert. Das Stadtgespräch findet direkt unter diesem Dach statt, eine öffentlichere Diskussion ist in Antwerpen kaum denkbar. Am Dach selbst ist der Vers heute nicht mehr sichtbar, stattdessen ist er nun in ein Schwarzweißmuster Konkreter Kunst integriert: eine die Theaterfassade erweiternde Mauer, an der ein gerahmtes Plakat mit dem vollständigen Wortlaut des Gedichts angebracht ist.

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Schwarz und weiß: Joke van Leeuwen bringt das Thema Kindesmissbrauch in Zusammenarbeit mit dem Künstler Bob Takes ins Zentrum der Stadt

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Ein weiteres Gedicht zum Thema Kind, Klein von Bart Moeyaert, ist riesengroß an der Theaterfassade angebracht: die Stadt und ihre lebenden Dichter, verbunden in symbiotischer Präsenz. Letzte Station des Rundgangs mit Michaël Vandebril ist De Vertelboom (Der Erzählbaum), ein weiteres Projekt von Peter Holvoet-Hanssen. Wieder sind zahlreiche Beteiligte in das Werk involviert. Was in Deutschland als Kunst am Bau bekannt ist, hat Antwerpen auf Gedichtebene weitergedacht. Als ich Michaël, beeindruckt von Vielfalt, Ausdruck und Möglichkeiten des Gesehenen, auf Faktoren und Bedeutung für den Fremdenverkehr anspreche, meint er, ich sei als Tourist in Sachen Gedichte im öffentlichen Raum wohl zugleich als Avantgardist zu betrachten und wahrscheinlich (immerhin!) der erste, der Antwerpen aus diesem Grund, jedenfalls der erste, der ihn deswegen aufgesucht hätte. Von den Gedichten gehen wir über zum Bier; auch in dieser Hinsicht wartet Antwerpen mit Qualität auf, zum Beispiel mit dem Seef, über das wieder eigene Lieder und Gedichte gesungen werden.

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Der Erzählbaum setzt sich in einem wahrhaftigen Baum fort

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Anderntags besuche ich das Museum aan de Stroom. Das Gebäude erinnert an einen kubistischen Clownfisch. Über zehn Stockwerke verteilt bietet das MAS mehrere Sammlungen und Sonderausstellungen. Gratis und sehr beliebt ist der Panoramablick vom Dach. Rolltreppen führen von Etage zu Etage, die u.a. mit Antwerpen-Gedichten der Stadtdichter und Antwerpen-Motiven der Stadtfotografen ausgestattet sind. Wer Antwerpen von oben betrachten will, defiliert zwangsläufig an Versen seiner zeitgenössischen Dichter vorüber, die Inhalte beschäftigen sich mit Vorkommnissen und Möglichkeiten urbanen Alltags. Verfasst sind sie auf Flämisch, Französisch und Englisch und korrespondieren mit der Internationalität der Stadt, in der in mehreren Sprachen zugleich geführte Gespräche an jeder Ecke zu hören sind.

Mit Herman de Coninck überschriebenes Hafenpanorama in einer Zwischenetage des MAS

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Erinnerung an Mexiko

Poetischer Blick in den Himmel in Antwerpens Plantentuin: Erinnerung an Mexiko

Der Plantentuin (Botanischer Garten), ein hinter Mauern verborgenes, aus der Zeit gefallenes Kleinod mitten in der Stadt, dient in einer zweiten Funktion zugleich als Tuin der Poëten (Dichtergarten). Neben der in solchen Anlagen üblichen botanischen Beschilderung existert ein Pfad mit Stationen, in denen ausgewählte Pflanzen, oft solche mit traumverstärkender oder anderweitig giftiger Wirkung, in Gedichten behandelt werden. Mit dem Smartfone kann man sich an den Stationen einloggen und Audio-Versionen der Texte abrufen. U.a. stoße ich auf ein Absinth-Gedicht meines alten Freundes Bart Droog. Im Schatten einer ausladenden Zeder steht auf dem Boden, aus Stein gearbeitet und zur allgemeinen Verfügung „het krukje der poëten“ (das Dichterschemelchen). Bei vorfrühlingshaften Temperaturen lasse ich mich darauf nieder und notiere Gedanken und Verszeilen für ein neues Europoem.

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Beim Schlendern durch die Stadt lässt sich bemerken, dass viele Müllwerker aussehen wie Dichter und viele Künstler wie Geschäftsleute. Im Netz schnappe ich unterdessen bei Maarten Inghels auf, dass neuerdings sogar auf Antwerpens Müllwagen Poesie angebracht sei. Auf der Pirsch erweist sich, dass die entsprechenden Fahrzeuge selbst zur Morgenstunde selten sind, sich scheu und bei Entdeckung flink verhalten – sowie längst nicht alle mit Zitaten beschriftet sind. Nach ausdauernder Lauer am Bolivarplaats gelingt es schließlich, wenigstens aus der Ferne ein poetisches Exemplar abzulichten.

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Mit Lyrik beschrifteter Müllwagen: der Text in weißer Schrift läuft über drei Zeilen, darunter abgesetzt die Autorenangabe

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Neben den offiziellen Interventionen der jüngeren Zeit, lassen sich in Antwerpen auch historische Gedichte entdecken, bzw. solche mit privatem bzw halböffentlichem Interesse wie etwa an Gastronomiebetrieben, die mit griffigen Zeilen flämischer und ausländischer Dichter Kundschaft locken. Hinter dem derzeit wegen Renovierung geschlossenen Königlichen Kunstmuseum steht im Schatten des Geschehens ein beachtliches Ensemble aus Gedichtstelen zu den Unabhängigkeiten der flämischen und niederländischen Gebiete. Am Waterpoort (Wassertor) sind lateinische Verse zur weltverbindenden Wirkung des Wassers eingemeißelt. Als vor kurzer Zeit die kleinen Nachtshops, vergleichbar unseren Kiosks bzw. Büdchen, derart hoch besteuert wurden, dass ihnen das Aus drohte, initiierte Maarten Inghels eine lyrische Protestaktion: Türschilder, die mit einem leuchtenden „OPEN“ bei Nacht die Öffnung anzeigen, ersetzte er durch „POETRY“-Leuchtschilder in derselben, in China produzierten Ästhetik, um auf die kulturelle Bedeutung der Läden für die Viertel aufmerksam zu machen. Während sich Beispiele vorwiegend organischer, aber auch verstörender und aktionistischer Interventionen an dieser Stelle mühelos fortsetzen ließen, setzt Antwerpen permanent neue Projekte für Lyrik im öffentlichen Raum an: eine Situation, die auch deutschen Literaturinstitutionen zur Inspiration dienen könnte wie sich ein auf Literatur basierender Diskurs aus eher geschlossenen Räumen und Kreisen in weitere Teile der Gesellschaft tragen ließe.

 

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Die städtisch unterstützten poetischen Interventionen aus den vergangenen 15 Jahren sind zu einem guten Teil in Büchern, Broschüren und auf  anderen Trägern (Poster, Tischdecken, Spielkarten) dokumentiert

MINI WELT bei Signaturen

Bereits im vergangenen November erschien bei Signaturen – Forum für autonome Poesie unter dem Titel Kleine Welt, mittelgroße Elegien eine schwankende Rezension zu MINI WELT von Timo Brandt, die mir erst jetzt bekannt wurde.

Anhand des Prologs stellt der Rezensent Gedanken zum Gedicht an sich als je eigener Kleinstwelt an: „J
edes Wort, in Zusammenhänge versetzt, negiert riesige Möglichkeiten zugunsten einer einzigen Formulierung, und selbst bei der ist nicht gesichert, ob sie so aussagekräftig ist, wie man es gerne hätte. Gleichzeitig schillern schon im kleinsten Begriff verschiedenste Bedeutungsebenen, und um Nuancen hervorzuheben, bedarf es fein ausgearbeiteter Kanäle und Botschaften.“

Im Zyklus Möwen von Jetzt, der von Grenzverschiebungen zwischen artifizieller und herkömmlicher Natur spricht, entdeckt Brandt einen aufgeplusterten Mix aus Nonsens und Postmodernem: „Am Anfang kann ich die Gedichte von der Möwe noch mit Gewinn lesen, aber sehr bald fühle ich, dass meine Geduld strapaziert wird. Nicht durch Langeweile, sondern durch eine artifizielle Herangehensweise, durch die etwas zu simplen und nicht wirklich eruierenden Verläufe. (…) Denn obgleich manche Wendung die Möwe gut inszeniert, wirkt es doch im Ganzen so, als sei sie bloß ein vorgeschobenes Objekt, ein beliebiger Ausgangspunkt für Variationen. Obwohl von Entmöwung die Rede ist und von Rettungscodes – um das Wesen der Möwe geht es gar nicht.“

Die Kapitel 3, 4 und 5 betrachtet der Rezensent wohlwollender: „Auch hier vermischen sich Wesenszüge des Erlebens, des Schauens, mit herangezogenen Effekt-Anleihen, aber diesmal subtiler. Hier schwingt so etwas wie Wehmut nach der Kindheit mit, wie eine jugendliche Ungewissheit. (…) Ich mag besonders den Text „Nachmittag“, in dem bitter und doch sehr fein eine entleerte und zugleich anregende Alltagswelt gezeichnet wird, unübersichtlich und rau und doch voller Bedeutungskeime. (…) Es ist wirklich schön, wie hier das Zynische, das Gefühlige und das Nachdenkliche zusammenfließen; keines wird übergewichtet, und sie werden auch nicht gegeneinander gewendet. Wie Töne in einem Musikstück, in dem sie gleich oft vorkommen müssen, folgen sie aufeinander, existieren sie nebeneinander und formen gemeinsam eine Melodie, die sich nicht festlegen lässt.“

Abschließend attestiert Brandt „ein vielschichtiges Werk, mit einem sehr guten Gespür für Erlebnisstrukturen“, an dem er „die nostalgische, an die Idylle gerichtete Note als dominant“ empfindet.

Zentralamerikanische Anthologie

Die ersten vier Jahre hat das Festival Internacional de Poesía in Aguacatán, einer Kleinstadt im Hochland der guatemaltekischen Sierra de los Cuchumatanes und bislang noch ohne deutschen Wikipedia-Eintrag, überstanden; dieses Jahr wird es zum fünften Mal stattfinden. Eine außergewöhnliche Leistung in der literarischen Diaspora, deren Mühsal und Glanz auf den Lehrer, Dichter und Verleger Rudy Alfonzo Gómez Rivas und sein Team von Freunden zurückfällt, die das Festival nicht nur als Möglichkeit zum internationalen Austausch, sondern auch als Alfabetisierungsmaßnahme in einer hauptsächlich von Maya bewohnten ländlichen Gegend betrachten. Im Jahr 2015 folgte ich der Einladung, als bis heute einziger europäischer Gast.
Gemeinsam mit dem honduranischen Dichter Elvin Munguía hat Festivaldirektor Rudy nun eine Anthologie zusammengestellt, welche die überwiegend aus zentralamerikanischen Ländern stammenden Festival-TeilnehmerInnen vorstellt und vier Jahre internationale Dichtkunst in der guatemaltekischen Provinz dokumentiert.
In einem ersten Vorwort beschreibt Elvin Munguia die Schönheit Aguacatáns und ruft die Erinnerung wach an unsere gemeinsame, teils abenteuerliche Anreise durch eine mit Nebeln in Tiergestalt verzauberte Regennacht im Gebirge, unter der irgendwann, als keiner mehr recht daran glauben mochte, die Ebene sich auftat, in der die Lichter des Municipios wie verlorene Sterntaler unter uns funkelten; im zweiten Vorwort behandelt Rudy Alfonzo Gómez Rivas die politischen und ästhetischen Aspekte seiner Vision einer Verbesserung der Umstände mittels Poesie – im von Krisen und Gewalt geprägten Guatemala ein daueraktuelles Thema.
Das Buch in spanischer Sprache ist tagesfrisch als digitale Ausgabe bei Goblin Editores in Honduras erschienen und steht als PDF zum kostenlosen Download im Netz zur Verfügung. Das Cover zeigt einen Ausschnitt eines Wandbildes von Abel Perez mit Versen der Teilnehmer aus dem Jahr 2015, darunter aus meinem Gedicht Schwarzwald, ein Mural, das nach wie vor in Aguacatán zu sehen ist. In der Sammlung selbst sind mehrere von Gonzalo Vélez, Daniel Bencomo und Silvana Franzetti ins mexikanische bzw. argentinische Spanisch übertragene Gedichte von mir enthalten.

Rudy Alfonzo Gómez Rivas, Elvin Munguía (Hrsg.): Antología Poética FIPA. Cuatro años reunidos, Goblin Editores, Tegucigalpa 2018

Lyrik-Pegel (2)

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträger und Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– Als Anfang Februar Schnee fiel und, was selten genug vorkommt, am anderen Tag liegen blieb, hat dieses Ereignis im Kölner Norden offenbar einen unbekannten Jandl-Fan auf den Plan gerufen. Denn ausschließlich auf Jandl-Fragmente im Schnee stieß ich bei meinen Pausenspaziergängen im Nippeser Tälchen und auf der Rennbahn an mehreren Stellen. Weil der Kamera-Akku in der Kälte schlapp gemacht hatte, konnte ich nur diese beiden aufnehmen:

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Es jandlt: Ottos Mops kotzt auf einer Parkbank im Nippeser Tälchen

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Aus dem Jandl-Gedicht „im park“ geliehene Zeilen zieren das Dach einer Kinderspielhütte an der Galopprennbahn

– Ebenfalls in Nippes, für Köln erstaunlich genug, stieß ich auf Verse eines Düsseldorfers:

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Heinrich Heine, fragmentiert, in der Mauenheimer Straße

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Prag
– Vom Václav-Havel-Flughafen Prag schickt Klára Hůrková Leuchtschriftgedichte. Sie stammen von Václav Havel selbst, dessen Schaffen Kateřina Bártová in ihrer Abhandlung zur Geschichte der konkreten Poesie wie folgt einordnet: „Ein Sonderkapitel der tschechischen Poesie stellte Václav Havel dar. Mit seinen Sammlungen „das erste Mal“ (1966), „das zweite Mal“ (1994) und „Antikode“, zeigte er einen künstlerischen Unterschied zu den anderen Autoren der tschechischen Experimentellen Poesie, der in der Kritik der Politik und des sozialen Wesens bestand. Im Wesentlichen behandeln seine Titel rationelle Systeme, Mathematik, Logik und Grammatik. Trotz diesem objektiven, wissenschaftlichen Prinzip können wir hinter jedem seiner Texte ein Autorbewusstsein und sein gesellschaftliches Engagement sehen.“

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Relativitätsgleichungsbaum von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Wortkasten von Václav Havel (Bild: Klára Hůrková)

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Türkei
Achim Wagner schreibt: „In der Türkei fördern die Stadtteilverwaltungen von Çankaya (Ankara) und Kadıköy (İstanbul) mittlerweile Poesie im öffentlichen Raum und beziehen sich in der Auswahl auf die şiirsokakta-Bewegung, sprich auf häufig verwendete Gedichte bzw. Gedichtauszüge. Erwähnenswert ist dabei, dass die Stadteilverwaltung in Kadıköy anfangs (2013/2014) die gefundenen Verse noch überstreichen ließ, was dazu führte, dass Aktivisten und Aktivistinnen die Stadtverwaltung nachts antwitterten und ankündigten, gleich loszusziehen, um Wände und Straßen wieder und weiter zu beschriften…“
Achim schickt Aufnahmen zum Gedicht „Einzelverbot“ von Cemal Süreya, das 2013/2014 zu den weitverbreiteten Gedichten gehört habe. Die Übersetzung des Textes lautet: „An dem Tag, an dem die Freiheit kommt / An diesem Tag ist sterben verboten!“

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Im Anfang 2014 restaurierten Cemal-Süreya-Park in Çankaya (Bild: Achim Wagner)

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Eine von mehreren Gedichtplatten in der Cemal-Süreya-Straße in Kadıköy, die die Stadtteilverwaltung dort Anfang 2016 verlegen ließ (Bild: Achim Wagner)

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In Dikmen (Ankara), früher Herbst 2013 (Bild: Achim Wagner)

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Allgemein
– Bei der #şiirsokakta-Bewegung und der lateinamerikanischen Acción Poética lassen sich einige Parallelen entdecken, die sie deutlich von kerneuropäischer Lyrik im öffentlichen Raum unterscheiden. Zu nennen wäre, neben der Bereitschaft zum Zusammenschluss unter einem Label bzw. Hashtag, zunächst der halblegale bis illegale/wilde Charakter der poetischen Erweiterung/Gewichtung von Mauern, Zäunen, Straßen, der das Recht auf Schönheit und Gedankenfreiheit mit einer Selbstverständlichkeit transportiert, die vorrangig im Jenseits von Saturiertheit und Nachbarschaftsklagen zu gedeihen scheint. Desweiteren der ästhetisch eher spielerische Umgang mit dem öffentlichen Raum, der nicht nur ungezwungener, sondern zugleich auch organischer, bisweilen geradezu zwangsläufig wirkt, während hiesigen Anbringungen bisher meist etwas offiziöses, museales, juriertes („Bronzetafel“) beigegeben ist. Der Bewegungscharakter mit mehr oder minder organisierten lokalen, regionalen, nationalen Gruppierungen, solidarisch geachteten Übereinkünften und hohen Followerzahlen in den sozialen Netzwerken sensibilisiert permanent und mit weitem Radius für Gedichte. Schließlich das politische Moment, das weniger bis gar nicht im Text selbst, sondern aufgrund seiner wilden Anbringung, seiner überraschenden Präsenz und Wechselwirkung mit gesellschaftlichen und politischen Umständen zum Ausdruck gelangt.
Mexikaner und Niederländer forcieren Poesie im öffentlichen Raum mit der für mich bisher deutlichsten Sichtbarkeit – aus teils sehr unterschiedlichen Beweggründen.

Gezi-Park, Moskau

Originalcover aus dem Maxim-Gorki-Literaturinstitut

Mit reichlich Verzögerung eingetroffen ist der Hinweis auf eine wissenschaftliche Publikation aus Moskau, die sich mit dem Ost-West-Spannungsfeld in der Gegenwartsliteratur auseinandersetzt. Tamara Kudryavtseva untersucht in ihrem Beitrag „Im Schatten der grossen Tradition: die orientalische Lyrik im heutigen Deutschland“ u.a. mein Gedicht Gezi-Park, das Erinnerungen und Eindrücke vom gleichnamigen Gelände am Istanbuler Zentralplatz Taksim verwebt, zuerst in der Anthologie Mein wilder Kampf gegen die Angst erschien und aktuell auch als Gedicht-Postkarte erhältlich ist.

восток, Россия, запад. Литературное развитие и культурное вэaимодействие
(Orient, Russland, Abendland. Literarische Entwicklungen und kulturelle Interaktion)
IMLI RAN, Moskau 2016, ISBN: 978-5-9208-0506-5