Gezi-Park, Moskau

Originalcover aus dem Maxim-Gorki-Literaturinstitut

Mit reichlich Verzögerung eingetroffen ist der Hinweis auf eine wissenschaftliche Publikation aus Moskau, die sich mit dem Ost-West-Spannungsfeld in der Gegenwartsliteratur auseinandersetzt. Tamara Kudryavtseva untersucht in ihrem Beitrag „Im Schatten der grossen Tradition: die orientalische Lyrik im heutigen Deutschland“ u.a. mein Gedicht Gezi-Park, das Erinnerungen und Eindrücke vom gleichnamigen Gelände am Istanbuler Zentralplatz Taksim verwebt, zuerst in der Anthologie Mein wilder Kampf gegen die Angst erschien und aktuell auch als Gedicht-Postkarte erhältlich ist.

восток, Россия, запад. Литературное развитие и культурное вэaимодействие
(Orient, Russland, Abendland. Literarische Entwicklungen und kulturelle Interaktion)
IMLI RAN, Moskau 2016, ISBN: 978-5-9208-0506-5

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MINI WELT bei Kulturnotizen

In den Kulturnotizen portraitiert Matthias Hagedorn MINI WELT und konstatiert dort unter anderem:

„Durch die nebensächlichsten Dinge schaut (…) Stan Lafleur ins Weite der Welt. Dieser Lyriker gehört zum Typ des Schriftstellers, der in alle Himmelsrichtungen ausschweift, Abenteuer sucht (…) und von diesen Eindrücken gesättigte Werke schreibt. (…) Seine Wahrnehmung ist brennscharf, er hat ein untrügliches Gefühl für dramatische Zwischenräume, das lyrische Ich reflektiert gesellschaftliche Zustände in der Regel beiläufig, und zumeist heiterer Melancholie oder in bitter klugen Farcen. Diese Gedichte sind ein Extrakt aus schwer bezahlbaren Lebens- und Erlebniserfahrungen, die unausweichlich zu einer bestimmten Formensprache führt. So wird die Formerkundung der Möwen unweigerlich zur Welterkundung. (…) Lafleur zu lesen schult die Aufmerksamkeit, im Kleinen das Große, das Überzeitliche wahrzunehmen. (…) Die Gedichte von Lafleur rauschen und klingen für sich und scheinbar von ganz alleine, man muss ihnen nur zuhören, ihnen und ihrem Flügelrauschen.“

Lyrik-Pegel

Mosaikstein-Meldungen und Florilegium zu Gedichtvorkommen im öffentlichen Realraum, elektronisch geharkt, kommentiert aufbereitet und mit Dank an alle Zuträgerinnen der Zukunft überlassen:

Köln
– In Mauenheim stieß ich im Januar erstmals in Köln auf ein anonym verfasstes Wandgedicht. Das Gedicht setzt sich ums Mauereck als Gemälde fort und erinnert darin an lateinamerikanische Murals, der applizierte Text wiederum an modernes christlich-ökumenisches Liedgut.

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– An einem Pfeiler des Nippeser Tadsch Mahals ist neuerdings eine fest angebrachte Kachel mit Benzinstift-Versen von Mascha Kaléko zu begutachten. nippes_lyrik im öffentlichen raum_2a

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Brno
– Klára Hůrková schickt Fotos aus Brno, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, in der Lyrik im öffentlichen Raum häufiger zu entdecken sei als in der Hauptstadt Prag.

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Brunnen mit Zeilen von Jan Skácel (Bild: Klára Hůrková)

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Tafel mit datiertem melancholischen Bummel von Ivan Blatný (Bild: Klára Hůrková)

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Berlin
– Zu einer Debatte, deren öffentliches Ausmaß zuletzt Gedichte von Günter Grass und Jan Böhmermann erreicht hatten, führte der halböffentlich angebrachte Text avenidas von Eugen Gomringer an der Alice Salomon Hochschule. Anders als Grass‘ reichlich unpoetische, mit Israel-Bashing abgemischte Weltuntergangswarnung Was gesagt werden muss und Böhmermanns als Satire-Grenzerfahrung eingekleidete Knittelvers-Schmähkritik am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, die immerhin zur Abschaffung des vor dem Gleichheitsgedanken absurden Straftatbestands „Beleidigung ausländischer Staatsmänner“ (Paragraf 103) führte, kommt das Gomringer-Gedicht gänzlich ohne Angriffe auf Staaten oder Personen aus.
Besonders im Fall avenidas ist neben der fysischen Präsenz des Gedichts auch das geweitete Spannungsfeld der Debatte, das ein Text zu produzieren vermochte, der lediglich vier Begriffe in spanischer Sprache: „avenidas“ (Alleen), „flores“ (Blumen/Blüten), „mujeres“ (Frauen) und „un admirador“ (ein Bewunderer) mithilfe des Bindeworts „y“ (und) in wechselnden Konstellationen aufschüttelt.
Das Gedicht, ein Stück konkrete Poesie mit Entstehungsjahr 1951, gelangte zunächst weniger anlässlich seiner Anbringung an der Hochschule im Rahmen eines Poetikpreises in den Fokus der Öffentlichkeit, als vielmehr durch Anwürfe seitens des AStA, dass es sich um einen sexistischen Text handle, dessen Präsenz Studierenden Unwohlsein bereite, weswegen er entfernt gehöre.
Mir erweckten die Zeilen beim ersten Lesen (das in Mexiko stattfand) die Vorstellung eines Bohème- eher als eines sonstigen Kontexts: auf einer wahrscheinlich lateinamerikanischen Prachtstraße, einer Flaniermeile mit Baumblüte oder städtischen Blumenarrangements, fallen in den Blick des männlichen Müßiggängers (womöglich der Dichter selbst) nebst Asfalt und Blüten spazierende Frauen, ein Gesamtpaket, das dem Betrachter Wohlgefallen bereitet (ähnlich wie es mir in Oaxaca just beim Morgenspaziergang ergangen war, bevor ich die avenidas-Nachricht im Netz aufrief). Die Zeilen gehörten in meiner Vorstellung zudem leicht oberhalb einer solchen Straßenszene angebracht, ähnlich wie auf der Hochschulwand tatsächlich der Fall, sodass die enthaltenen Subjekte sich selbst darin entdecken und verorten könnten.
Der AStA vertrat eine andere, bissigere Lesart: von im öffentlichen Raum im männlichen Auge zu Objekten degradierten Frauen, die Blüte als mittelalterlich-stereotypes Beiwerk für Frauen. Eine Sichtweise, die ungefähr im selben Maße das Gedicht zugunsten der eigenen Vorbehalte ausbeutet wie meine erste.
Denn gegen beide Sichtweisen stehen die Fakten des überaus reduzierten Textes. Gerade seine massive Reduktion reizt in der weltanschaulichen Umbruchfase des Genderdiskurses zu Interpretationen, die über das Begründbare hinausgehen. Wer das Gedicht als Kampfmittel einsetzt, richtet die Waffe gegen sich selbst: in dieser Erkenntnis mag sein eigentlicher, verspätet und bereits angestaubt erlangter historischer Wert liegen, wenngleich keine Seele dadurch gerettet werden wird.

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Schweiz
– Meine einzige Erinnerung an Lyrik im öffentlichen Raum der Schweiz habe ich nicht fotografisch dokumentiert. Es handelte sich um in weißer Wandfarbe auf dunkel-verwitterte Holzfassaden angepinselte Verse auf Sursilvan, der romanischen Sprache des Vorderrheintals. In der ländlich-bäuerlichen Umgebung ein überraschender Anblick, der insbesondere bei Schnee eine landschaftseingepasste Ästhetik transportiert.
– Aus Genève schickt Heike Fiedler Bilder ihrer Fensterladen-Installation mémoire collective et cetera aus dem vergangenen Jahr. Eine Vorgängerversion existiert bei Vimeo als Spoken Word-Film dissens dissonanz – livre à ciel ouvert.

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Klappbares Wohnhausgedicht (Bild: Heike Fiedler)

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Italien
Von Heike Fiedler stammt auch der Hinweis auf Carlo Belloli, einen in Deutschland kaum bekannten Futuristen und Pionier räumlicher Poesie: „Im Jahr 1944 legt der Italiener Carlo Belloli mit seinen testi-poemi murali erstmals an, was zehn Jahre später von der konkreten Poesie systematisch weitergeführt wird: die Berücksichtigung des Raumes als semiotische Struktur und die Konzentration auf das einzelne Wort. Belloli beschriftet die Mauern seiner Stadt und versetzt durch diese Art von poesia visuale die Schrift aus ihrem gewohnten Umfeld des Buches oder beschriebenen (bedruckten) Blattes hinaus in den unmittelbaren Lebensraum. Für den Schriftsteller bedeutet der neue Schreibuntergrund die Herausarbeitung anderer Arten schriftlicher Darstellung. Belloli setzt sich in den folgenden Jahren von der zwischenzeitlich aktuell gewordenen konkreten Dichtung ab, da er in ihr nur noch auf die Form reduzierte Ergebnisse sieht, die seiner Meinung nach nicht mehr den Anspruch auf Poesie erheben dürfen.“

ich bin das Rehfleisch auf deinem Teller

Auf ihrem Blog poemataclara, der ausgewählte tschechische und deutsche Gedichte präsentiert und in die jeweils andere Sprache transferiert, hat Klára Hůrková, den gestrigen Kälteeinbruch zum Anlass nehmend, eines meiner titellosen Wintergedichte auf Deutsch und in ihrer tschechischen Übertragung eingestellt.

Ich weiß was

Heute erscheint das neue Schlammpeitziger-Album Damenbartblick auf Pregnant Hill (Bureau B). Zu lesen war vorab, dass die Hälfte der Stücke Gesangsparts enthalten. Vocals werden von Schlammpeitziger eher rar und reduziert eingesetzt. Für einen Titel auf dem 1996 bei A-Musik erschienenen Schlammpeitziger-Debutalbum Freundlichbarracudamelodieliedgut habe ich meine Stimme geliehen: Ich weiß was ist neuerdings auf Youtube nachzuhören.

Struktur und Humbug

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Der Handlauf eines Geländers am Kölner Rheinufer birgt Ansichten, die an Landschaften, prähistorische Malerei und Kartenwerk erinnern. Ihre Schönheit offenbart sich, von Witterung und Abgas freigesetzt, unterhalb der Lackschicht. Zwischen petroglyfenartigen Rankpflanzenschraffuren scheinen Tiere und Geister auf: aus Umweltvorgängen generierte Collagen im Nebelgrau bald vergessener Januartage.

Lesezeichen 04/2017

Gestern erschienen ist das neue Lesezeichen, die vierteljährliche Zusammenstellung mit Highlights aus der deutschsprachigen Netzliteratur bei litblogs.net, einem Portal, das derzeit gut 20 AutorInnen, KünstlerInnen und Gruppen assoziiert und präsentiert. Themen sind u.a.: Alltagssinfonien, Bücher, die sich überall einmi­schen, Porzellan und Tauben, die Kreativität der Textauslöschung, Randzonen und Botanisiertrommeln, die Rache im Kühlschrank, herr tourtemagne kommt zu spät, Herr URZ wird Bundeskanzler, der Dauerzustand des per se Beauftragtseins, das Wort „ummeln“, Aachen lebt augenscheinlich, Rampensäue männlich und weiblich, Mysterien der Freihandaufstellung … uvm.

rheinseins Beitrag besteht diesmal aus einer Fotostrecke, die unbevölkerte, nahezu klinische Ansichten des Aachener Zentrums liefert. Weitere Bilder aus Aachen finden sich in direkter Nachbarschaft. Den Text liefern diesmal die Fotos selbst: „Aachen lebt“ oder „Verbraucherzentrale“, letztere ein monumentaler Ort, an dem sich die lokale Dichterschaft gelegentlich zum Quarzen einfindet.

Weitere AutorInnen des aktuellen Lesezeichens sind Hartmut Abendschein, Der goldene Fisch, Andreas Glumm, Jörg Meyer,  Carl Nymphenbad, J. S. Piveckova, Rittiner & Gomez, Norbert W. Schlinkert, Andreas Louis Seyerlein, Lisa Spalt und Chris Zintzen.

deine meine seine heine

Entlang von Deutschland. Ein Wintermärchen und Heinrich Heines Pariser Exil orientiert sich der jüngste Kurzfilm deine meine seine heine von Roland Bergère. Er besteht in einer schrillen Meditation über Identität und die exilbedingte Gespaltenheit vor der Wendung äußerer wie innerer Verhältnisse.

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Die Hosen der Franzosen (Drehbuchskizze)

Die Szenen switchen zwischen dem Rhein, der gusseisernen Haustür von Heines Wohnung in der Rue du Faubourg Poissonière 72 und traumartigen Gefilden. Bilder und Ton variieren über Heinezeilen. So verlesen Off-Stimmen Heine-Zitate, wobei die deutschen Gedichte von genuinen Französischsprechern und die französischen Zitate von deutschen Muttersprachlern (1) mit einer Holprigkeit vorgetragen werden, die streckenweise an Mischsprachen (2) denken lässt und die Worte bis zur Unverständlichkeit verstammelt. Umkehr, Verfremdung, Symbolik sind die Säulen des Films: ein schreiendes, kriegerisches, mit dem Tod liiertes, in seiner Freizeit Schmetterlingsbroschen tragendes Quietscheentchen versteckt sich in oder rast durch die meisten Szenen, ein veritables Horrormotiv. Wölfe streifen durch Wildgehege. Eine Apfelsine wird auseinandergenommen, während die Sanduhr läuft. Das Leben steuert unaufhaltsam auf seinen Verfall in der Matratzengruft zu. „Die weißen Höschen der lieben kleinen Französchen“ bestehen im Film aus Hemden, während die Hosen als Hemden getragen werden. Hinter der Absurdität lauern schwarzer Humor und essentielle Bitterstoffe. Wiederkehrende Fisch-Szenen rekurrieren auf das Zitat: „Fragt Sie jemand, wie ich mich hier befinde, so sagen Sie: Wie ein Fisch im Wasser, oder vielmehr sagen Sie den Leuten, dass, wenn im Meere ein Fisch den anderen nach seinem Befinden fragt, so antworte dieser: Ich befinde mich wie Heine in Paris.“ Bei den Fischen handelt es sich um Piranhas.

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Filmstill mit gepeinigter Ente und Sanduhr

deine meine seine heine – Ein Film von Roland Bergère (D/F, 2017, 10:47 Minuten)

***

(1) Eine dieser Off-Stimmen habe ich vergangenen Herbst am Rande eines gemeinsamen Essens mit dem Regisseur eingesprochen. Im Film ist die Passage mit massivem Hall unterlegt. Häufig habe ich geäußert, dass ich Heine als meinen literarischen Großvater betrachte. Bergères Film ist nun das erste Werk, in dem ich Heine eine direkte, wenngleich winzige Referenz erweisen durfte.
(2) Französisch ausgesprochenes Deutsch kann türkisch klingen!

Die alten Dosodarianer: Über androidisches Verhalten zur Dichtkunst

Einige der unterhaltsamsten Betrachtungen zu Dichtkunst im popkulturellen Kontext stammen von einer nichtmenschlichen Lebensform: Lieutenant Commander Data aus der TV-Serie Raumschiff Enterprise (Star Trek), die in der Zukunft spielt und bisweilen auf Literatur als Intermezzo oder Katalysator zurückgreift. Ziel des Androiden Data ist es, seine maschinelle Herkunft zu überwinden, menschliche Empfindungen zu verstehen, letztlich selber menschlich zu werden. Zu diesem Zweck beschäftigt Data sich u.a. mit den Künsten. Seine Ode an Spot (Ode to Spot), ein selbst verfasstes und anlässlich einer literarischen Soirée im Raumschiff vorgetragenes Gedicht(1) über seinen Kater(2), spiegelt gleichermaßen Originalität und Defizite des Data’schen Charakters. Die Einleitung der Performance, die auf Wissen aus Datas enzyklopädischem Datenspeicher basiert, klingt seltsam eingeschränkt und dennoch vielversprechend: „In allen Epochen von Keats bis Jorkemo haben viele Poeten für Einzelpersonen Oden verfasst, die einen tiefgreifenden Einfluss auf ihr Leben hatten. In Bewahrung dieser Tradition habe ich also mein nächstes Werk zu Ehren meiner Katze geschrieben.“(3) Doch Datas technizistische Poetologie ruft Langeweile bei den Zuschauern hervor, einen vorzeitig gesetzten Schlussapplaus aus dem Publikum missversteht der Rezitator als Ermunterung. Die er im Grunde mehr als verdient hätte, denn mit Sicherheit handelt es sich bei Ode to Spot bis heute um das weltweit berühmteste Gedicht eines Androiden:

Ode to Spot

Felis Catus is your taxonomic nomenclature,
An endothermic quadruped, carnivorous by nature.
Your visual, olfactory, and auditory senses
Contribute to your hunting skills and natural defenses.

I find myself intrigued by your subvocal oscillations,
A singular development of cat communications
That obviates your basic hedonistic predilection
For a rhythmic stroking of your fur to demonstrate affection.

A tail is quite essential for your acrobatic talents,
You would not be so agile if you lacked its counterbalance.
And when not being utilized to aid in locomotion,
It often serves to illustrate the state of your emotion.

Oh Spot, the complex levels of behavior you display
Connote a fairly well-developed cognitive array.
And though you are not sentient, Spot, and do not comprehend,
I nonetheless consider you a true and valued friend.(4)

Gerade weil der mit übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten ausgestattete, rhetorisch bewanderte Data für Emotionen wie Humor unzugänglich ist, erzeugt er häufig unfreiwillig Situationen, die die anderen Crew-Mitglieder irritieren. In einer weniger bekannten Szene beschäftigt sich Data einige Zeit nach seiner mäßig erfolgreichen Lesung(6) abermals mit Dichtung(7). Dabei entspinnt sich ein Dialog zwischen Data und seinem besten menschlichen Freund, dem Ingenieur Geordi La Forge, dessen Mutter gerade als vermisst gemeldet wurde.

La Forge: „Ich bin nur vorbeigekommen, um mal zu sehen, was Sie hier so treiben.“
Data: „Ich verwende die Zeit, um mein Studium der Dichtkunst zu ergänzen.“
(Kameraschwenk über Datas Laptop, der einen schwarzen Bildschirm anzeigt.)
La Forge: „Data, es ist nichts auf dem Bildschirm!“
Data: „Das ist nicht vollkommen korrekt. Obwohl es wahr ist, dass das Display gegenwärtig leer ist, hat diese Leere eine poetische Bedeutung. Deswegen kann sie nicht als Nichts betrachtet werden.“
La Forge: „Wer sagt das?“
Data: „Die alten Dosodarianer. Viele ihrer Gedichte haben solche Lacunae und Leerräume enthalten. Oftmals dauerten diese Pausen mehrere Tage an, während derer der Dichter und das Publikum ermuntert wurden, die Erfahrungen dieser Leere in vollem Rahmen auszukosten.“
La Forge: „Einige Vorlesungen auf der Sternenflottenakademie schienen mir auch so zu sein.“
Data: „Sind Sie sicher, dass Sie nicht über Ihre Mutter sprechen möchten?“
La Forge: „Warum sagen Sie das?“
Data: „Zweifellos empfinden Sie großes emotionales Leid als Folge ihres Verschwindens. Sie behaupten zwar, Sie kämen nur so vorbei. Das ist aber wohl nur ein Vorwand, um ein Gespräch über dieses unangenehme Thema zu beginnen. Ist das korrekt?“
La Forge: „Nein, Data. Manchmal heißt „ich komme nur so vorbei“ einfach nur „ich komme nur so vorbei“.“
Data: „Hmmm. Dann verzeihen Sie mir bitte meine übereilte Annahme. Dieses spezielle Gedicht hat eine Lacunae von 47 Minuten. Sie können die Leere miterleben, wenn Sie wünschen.“
La Forge: „Danke!“
(Beide starren auf den schwarzen Bildschirm.)

Tatsächlich erweist sich der schwarze Spiegel des poetischen Interludums als Referenzfläche für La Forges Sorgen. Im weiteren Gesprächsverlauf erklärt La Forge dem Androiden, dass „ich komme nur so vorbei“ in diesem Fall eben doch nicht einfach nur „ich komme nur so vorbei“ bedeutet habe. Wie stets nimmt Data das Verwirrende emotionslos-analytisch zur Kenntnis. Neu für uns ist die Überlieferung der altdosodarianischen Gedichttechnik. Ohne Datas Interesse für das Überzogene, das mit seinen Programmeigenschaften korrespondiert, wäre sie uns noch lange verborgen geblieben. Zwischen Wortfolgen stehen bei den Dosodarianern womöglich noch bedeutendere Leerstellen. Offenbar dienen sie dazu, die Auswirkungen der Worte kontrapunktisch zu neutralisieren: die Quadratur eines spirituellen Konzepts. In ihrer Ausdehnung übertreffen die dosodarianischen Pausen alles, was das menschengeschaffene Gedicht bisher gewagt hat, und auch Erwin Schulhoffs Fünf Pittoresken oder John Cages 4’33“ (Four minutes, thirty-three seconds) wirken anbetrachts der dosodarianischen Leistungen wie eine leichtfertige Aufwärmübung in Dingen Silentium, Leere, Nachdenken und Rezeption.

(1) Hier im Original in einem Youtube-Video
(2) In Staffel 6, Folge 5 (In den Subraum entführt; Original: Schisms)
(3) Die Szene beginnt eigentlich mit den Schlusszeilen eines anderen, titellosen Gedichts Datas, das einen zweisamen romantischen Sonnenuntergang am Meer aus Androidensicht behandelt: anstatt dem menschlichen Gegenüber das Abendrot anhand wissenschaftlicher Analysen auseinanderzusetzen, schweigt das empfindungslose lyrische Maschinen-Ich aus Rücksicht auf die Gesamtstimmung
(4) Der Rapper Dan Bull produzierte einen Remix des Gedichts mit Datas Stimme zu Hiphop-Beats und gab dem Text damit einen frischeren und durchgehenden Flow
(5) Auch die deutsche Version gibt die präzise Umständlichkeit von Datas Sprache gut wieder. Der tatsächliche Verfasser des Originaltexts ist umstritten. Data-Darsteller Brent Spiner nannte als Autor Brannon Braga
(6) Datas literarischer Auftritt parodiert zugleich (ähnlich Lothar Frohweins Melusine-Vortrag in Pappa ante portas) das gängige Klischee der Wasserglaslesung zu Beginn der 90er-Jahre
(7) In Staffel 7, Folge 3 (Das Interface; Original: Interface)

]trash[pool #8

trashpoolIm Jahr 1995, als in Köln der KRASH-Verlag und sein Umfeld eine neue Trash-Literatur propagierten, hatte ich eine elektropansen-Sondernummer herausgegeben, die sich mit deutschem Kulturgut wie dem Mundwasser Odol beschäftigte, und Texte versammelte, die auf (anti)literarische Weise literarische Konventionen brachen. Darunter befanden sich korrigierte Heimatromanseiten oder auch ein unbearbeiteter Text eines manisch erzählenden Kindes. Der Untertitel dieser Ausgabe lautete trashcamp. Nun, 22 Jahre später, hat die Tübinger Zeitschrift ]trash[pool drei meiner guatemaltekischen Gedichte, allesamt Markt betitelt, publiziert. Inwiefern der Trash-Begriff für das Literaturschaffen eine Rolle spielt, ist schon lange nicht mehr Bestandteil der literarischen Debatte gewesen. Womöglich hat die Literatur den Trash der 90er ohne großes Nachfragen absorbiert, woraufhin er es sich im Wirt gemütlich eingerichtet hat und seither zu veränderlichen Anteilen dessen Erscheinungsbild bestimmt. Es muss daher nicht zwangsläufig auf Trash deuten, wenn in ]trash[pool Gedichte mit Titeln wie bei straßenbauarbeiten oder Typ, der in den Gurkenlaster fiel aufweist. Aber es kann.

AutorInnen der Ausgabe: Timo Berger, Daniel Breuer, Tom Bresemann, Laura Bon, Raoul Eisele, Yannic Federer, Axel Görlach, Roman Israel, Philip Krömer, Stan Lafleur, Lucia Leidenfrost, Jasmin Mayerl, José Oliver, Michael Spyra, Fabian Steidl, Elisa Weinkötz, Daniel Weiss und Julia Wolf.

]trash[pool – Zeitschrift für Literatur & Kunst, 100 Seiten, Schwarz-Weiß-Illustrationen, 5 Euro